KAPITÄN SCHMIDT: Eine Schiffstaufe für die Retter

Die Freiwilligen der Hilfsorganisation “Sea-Eye” retteten in den vergangenen Monaten mehr als 6100 Menschenleben im Mittelmeer. Ich hatte die Ehre, das zweite Schiff der Helfer in Stralsund in Dienst stellen und mit einem Beinamen taufen zu dürfen. Gleich nach der Zeremonie lief die “Seefuchs”, der wir den Beinamen “Mare Nostrum” gaben, Richtung Malta aus, wo sie stationiert sein wird.

In einer kurzen Ansprache während der Schiffstaufe sagte ich folgendes: 

“Ich bin mir der Ehre bewußt, nun nach zwei Schiffen von “Sea-Watch” jetzt auch das zweite Schiff von “Sea-Eye” taufen zu dürfen. Im letzten Sommer waren es Freiwillige auf zwölf privat finanzierten Booten und Schiffen, die im Mittelmeer tausende Menschenleben retteten.
Mich überkommt schon wieder eine tiefe Wut, wenn ich höre, wie die Politiker behaupten, die Flüchtlingskrise in den Griff bekommen zu haben. Mit Hinweis auf die Balkanroute, die nun “dicht” sei. Erstens fragt niemand, wie es den flüchtenden Menschen an der geschlossenen Grenze jetzt geht. Und zweitens ist klar, dass nun mehr Menschen versuchen werden, über die deutlich gefährlichere Route – das Mittelmeer – zu uns in Sicherheit zu gelangen.
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Politikern geht es um Sicherheit der Grenzen. Nicht der Menschen.

Es geht, wenn man den Reden der Politiker glauben will, um die Sicherung der Grenzen. Nicht um die Sicherheit von Menschen. Die EU-Politiker regen sich darüber auf, dass Schleuser und Schlepper die Flüchtlinge auf seeuntüchtige Boote zwingen, gegen viel Geld. Doch ich frage: Ist es nicht so, dass eigentlich wir den Ärmsten der Armen helfen sollten? Aber dieses “Geschäft” den Schleppern überlassen und uns dann noch darüber aufregen?
Ein Skandal ist es endgültig, wenn Politiker wie der österreichische Außenminister Kurz die privaten Retter obendrein diffamieren wollen und meinen, “dieser Blödsinn” müsse aufhören. Blödsinn, wie Menschenrettung. Die einzige richtige Antwort ist jene, welche er jetzt von “Sea-Eye” bekommt. Noch ein Boot in das Mittelmeer zu senden, um noch mehr Menschen retten zu können.

Siebenhundert Freiwillige meldeten sich

Und es hat mich sehr gefreut, als ich hörte, dass sich etwa siebenhundert Freiwillige gemeldet haben, um weiter zu helfen. Möge dieses Schiff im Mittelmeer keine Arbeit vorfinden. Hoffen wir darauf,  dass die Politiker Europas zur Vernunft kommen  und sichere Fluchtwege organisieren. In diesem Sinne taufe ich Dich auf den Zweitnamen “Mare Nostrum”.
Unser Meer, aus dem wir alle retten wollen, die darin umzukommen drohen.”
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KAPITÄN STEFAN SCHMIDT, JAHRGANG 1941, FUHR KNAPP FÜNF JAHRZEHNTE ZUR SEE. 2004 RETTETE ER FLÜCHTLINGE AUS DEM MITTELMEER, WURDE DESHALB ANGEKLAGT UND GING FAST IN DEN KNAST. SEIT FÜNF JAHREN IST ER ZUWANDERUNGSBEAUFTRAGTER DES LANDES SCHLESWIG-HOLSTEIN. SCHMIDT HAT DREI ERWACHSENE SÖHNE UND LEBT IN LÜBECK. IM ANKERHERZ BLOG BERICHTET ER VON SEINEM LEBEN UND SEINER ARBEIT.

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