Kapitän Schmidt: Hätte, hätte, Ankerkette

In internationalen Medien wird die Bergung der Glory Amsterdam gelobt, doch hierzulande beginnen einige wieder zu meckern. Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) wittert „menschliches Versagen“, will die Eignung des Kapitäns prüfen lassen und fordert, die „Verkehrssicherheit auf See auf den Prüfstand zu stellen“. Langoogs Bürgermeister Uwe Garrels (parteilos) übt im NDR Fernsehen herbe Kritik am Havariekommando, das die Situation angeblich „nicht unter Kontrolle hatte“. Und ein Vertreter von Greenpeace beklagt, dass das Schiff „50 Kilometer durch die Deutsche Bucht irren konnte“.

Bürgermeister Garrels kündigte an sogar , dass Langeoog gemeinsam mit den anderen ostfriesischen Inseln eine “Resolution” verfassen werde, in der eine komplette Überarbeitung des Notfallkonzeptes gefordert werde. Vielleicht sollten sie die örtlichen Dachdecker mit in den Stuhlkreis aufnehmen. Die haben bestimmt auch eine Idee.

Eine Welle bricht an der Bordwand der “Glory Amsterdam”. Zum Größenvergleich: die Bordwand ist etwa 4.5 Meter hoch. Foto: Havariekommando

Kritik am Havariekommando ist falsch

Ich kann verstehen, dass sich der Bürgermeister einer Insel Sorgen um seine Strände macht.

Er sollte aber auch versuchen zu verstehen, welche Aufgaben ein Kapitän hat. Für ihn geht die Sicherheit seiner Crew vor.

Der Kapitän der „Glory Amsterdam“ hielt es offensichtlich für zu gefährlich, seine Matrosen in diesem Sturm an Deck zu lassen. Eine Entscheidung, die – wie der Chef des Havariekommandos Hans-Werner Monsees richtig sagt – zu respektieren ist. Den mit einem Hubschrauber eingeflogenen Fachleuten und der Besatzung des Schleppers Nordic gelang es auch nicht, eine Schleppverbindung herzustellen, trotz moderner Ausrüstung. Acht Meter Wellen, Windstärke 11. Immer wieder brach die Verbindung. Es herrschte Lebensgefahr.

Was will der Bürgermeister in einer Resolution fordern, frage ich mich. Was sollten die Seeleute und Bergungsexperten mehr tun? Was konnten sie mehr tun? Journalisten des NDR stellten heute Suggestivfragen: Der Pott war doch gar nicht so groß, oder? Mit 225 Metern ist die „Glory Amsterdam“ ein mittelgroßes Schiff, und es ereignen sich auf See Unfälle, die man mit keinem Konzept wird verhindern können. In kaum einem Seegebiet sind so viele Schiffe havariert und gesunken wie in der Deutschen Bucht. Und es wird Fälle geben, in denen kein Konzept und keine Technik helfen, weil die Nordsee ein gefährliches und unerbittliches Meer ist.

Von meiner Seite gibt es ein großes Lob an das Havariekommando und die Männer der Bergungsteams. Gute Arbeit!

Und eine Frage noch: Wie sah eigentlich das Sicherheitskonzept des Bürgermeisters im Falle einer Ölpest aus?

 

(aufgeschrieben von Stefan Kruecken, Ankerherz)

KAPITÄN STEFAN SCHMIDT, JAHRGANG 1941, FUHR KNAPP FÜNF JAHRZEHNTE ZUR SEE. 2004 RETTETE ER FLÜCHTLINGE AUS DEM MITTELMEER, WURDE DESHALB ANGEKLAGT UND GING FAST IN DEN KNAST. SEIT FÜNF JAHREN IST ER ZUWANDERUNGSBEAUFTRAGTER DES LANDES SCHLESWIG-HOLSTEIN. SCHMIDT HAT DREI ERWACHSENE SÖHNE UND LEBT IN LÜBECK. IM ANKERHERZ BLOG BERICHTET ER VON SEINEM LEBEN UND SEINER ARBEIT

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