KAPITÄN SCHMIDT: Warum Flüchtlinge ihre Familie brauchen

Heute habe ich gemeinsam mit Hilfsorganisationen dem Kieler Landtagspräsidenten das „Grünbuch II“ übergeben. Dieses Heft setzt sich der Flüchtlingspolitik der Parteien auseinander, die zum Landtagswahl antreten. In der ersten Ausgabe hatten wir die zunehmende Gewalt gegen Schutzsuchende kritisiert und bemängelt, dass die Politik zunehmend auf Abschreckung als auf Integration zu setzen scheint. Wir hatten Forderungen für 15 Handlungsfelder ausgestellt, angefangen von Deutschkursen, Schulunterricht und der Notwendigkeit von mehr Wohnungen.

Im „Grünbuch II“ ist ein zentrales Anliegen die Möglichkeit der schnellen Familienzusammenführung für anerkannte Asylsuchende. Für mich eine Frage des „gesunden Menschenverstandes“: Wie soll sich ein junger Mann bei uns integrieren, wenn er weiß, dass seine Familie im Herkunftsland noch Krieg, Verfolgung und Terror ausgesetzt ist?

Wie soll das funktionieren?

kapitaen-schmidt-querformat

Familienzusammenführung ist wichtig

Wie wichtig dieses Anliegen ist, zeigt mir auch der aktuelle, schreckliche Fall eines jungen Syrers, der heute in Ratingen bei Düsseldorf lebt. Der Reservist der syrischen Armee war mit seiner Familie über das Mittelmeer und später die Balkanroute geflohen. Seine schwangere Frau und die kleine Tochter ließ er bei Verwandten in der Türkei zurück – in der Hoffnung, sie nachholen zu können.

Doch sein Verfahren zog sich über ein Jahr hin und er erhielt – trotz seiner Geschichte, die eine Rückkehr nach Syrien ausschließt – nur den sogenannten „subsidiären Schutz“, wodurch ein Familiennachzug unmöglich ist. Ein Klageverfahren vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf läuft. Die Familie aber litt unter langen Dauer des Verfahrens und der Trennung dermaßen, dass sich die Frau mit den Kleinkindern auf die Reise machte. Auch hatte der Mann seinen Mini-Job verloren, weshalb er den Verwandten kein Geld mehr schicken konnte.

Seine Frau und die kleinen Kinder ertranken vergangene Woche wenige Seemeilen vor der türkischen Südwestküste. Insgesamt elf Menschen kamen ums Leben, als das Schlauchboot kenterte. 

 

KAPITÄN STEFAN SCHMIDT, JAHRGANG 1941, FUHR KNAPP FÜNF JAHRZEHNTE ZUR SEE. 2004 RETTETE ER FLÜCHTLINGE AUS DEM MITTELMEER, WURDE DESHALB ANGEKLAGT UND GING FAST IN DEN KNAST. SEIT FÜNF JAHREN IST ER ZUWANDERUNGSBEAUFTRAGTER DES LANDES SCHLESWIG-HOLSTEIN. SCHMIDT HAT DREI ERWACHSENE SÖHNE UND LEBT IN LÜBECK. IM ANKERHERZ BLOG BERICHTET ER VON SEINEM LEBEN UND SEINER ARBEIT.

0 comments