KAPITÄN SCHMIDT: Italien will die Häfen für Flüchtlinge schließen

Italiens Regierung droht damit, ausländischen Schiffen mit geretteten Flüchtlingen die Einfahrt in Häfen ihres Landes zu verbieten. „Es geht so nicht weiter“, zitiert eine Agenturmeldung einen Regierungsvertreter.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, was dies bedeutet, denn genauso ist es mir widerfahren. An Bord meines Schiffes waren damals 37 Flüchtlinge, die wir aus höchster Seenot gerettet hatten. Die Stimmung kippte nach einigen Tagen und ich konnte die Sicherheit meiner Crew nicht mehr gewährleisten, deshalb widersetzte ich mich den Anordnungen und lief in den Hafen von Porto Empedocle auf Sizilien ein. Was folgte, war ein jahrelanger Prozess, der mich fast in Gefängnis brachte.

Ein Hilferuf aus Italien

Seeleute bringt diese Androhung – sofern sie denn legal ist – in eine verzweifelte Position. Was sollen sie denn tun mit den Flüchtlingen? Wo sollen sie hinfahren?

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Andererseits verstehe ich die Ankündung Italiens auch als einen Hilferuf. Seit Sonntag wurden vor der libyschen Küste mehr als 10.000 Flüchtlinge gerettet. Sie werden nach Italien gebracht, wo die Aufnahmezentren bereits völlig überfüllt sind. Italien koordiniert auch die Einsätze auf dem Mittelmeer. Präsident Sergio Mattarella sagte bei einem Besuch in Kanada, bei einem weiteren Anstieg der Flüchtlingszahlen werde die Situation selbst für ein „großes und offenes Land“ wie Italien „nicht mehr zu bewältigen“ sein. Und wenn der Regierungschef die anderen EU-Länder bittet, nicht länger zuzuschauen, hat er Recht. Die Weigerung von Polen oder Ungarn, sich der Problematik überhaupt anzunehmen, ist ein Skandal.

Die Kriminalisierung der Flüchtlingshelfer

Ein Skandal ist auch, wie Flüchtlingshelfer zunehmend kriminalisiert werden. Dass die Dresdner Staatsanwaltschaft gegen den Verein „Mission Lifeline“ wegen der „versuchten Einschleusung von Ausländern“ ermittelt, ist absurd. Der Verein war vor einem Jahr juristisch gegen Pegida-Chef Bachmann vorgegangen, nachdem dieser den Verein als „kriminell“ beschimpft hatte. Kommt die Anzeige aus diesem Umfeld?

Die Lage spitzt sich zu. Noch immer gibt es keine erkennbaren Lösungsvorschläge der EU-Politiker, wie die Situation auf dem Mittelmeer verbessert werden kann. Private NGO stellen alarmiert fest, dass die Spendenbereitschaft zurückgeht. „Identitäre“ wollen ein Schiff chartern, um Hilfsaktionen zu unterbinden.

Und das Sterben geht weiter.

KAPITÄN STEFAN SCHMIDT, JAHRGANG 1941, FUHR KNAPP FÜNF JAHRZEHNTE ZUR SEE. 2004 RETTETE ER FLÜCHTLINGE AUS DEM MITTELMEER, WURDE DESHALB ANGEKLAGT UND GING FAST IN DEN KNAST. SEIT MEHREREN JAHREN IST ER ZUWANDERUNGSBEAUFTRAGTER DES LANDES SCHLESWIG-HOLSTEIN. SCHMIDT HAT DREI ERWACHSENE SÖHNE UND LEBT IN LÜBECK. IM ANKERHERZ BLOG BERICHTET ER VON SEINEM LEBEN UND SEINER ARBEIT.

 

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