KAPITÄN SCHMIDT: Klischee Ahoi und Rassisten auf der Brücke

 Ich habe mich schon des Öfteren gefragt: Besteht die Meinung der Menschen über die Seefahrt zum größten Teil aus Klischees? Wenn ich nicht selber auf die schönen Vorstellungen hereingefallen wäre, hätte ich wohl nie diesen Beruf ergriffen. Als 16 Jahre alter Junge ohne Verbindung zum Wasser kannte ich nur die einschlägigen Lieder, zum Beispiel: „Nimm mich mit Kapitän auf die Reise”. Über keinen anderen Beruf wird so schön gedichtet, jedenfalls habe ich “Klempner lieber Klempner, nimm’ mich mit auf die Baustelle” noch nie gehört. Und zu einer Berufsgruppe, über die so nett gesungen wird, wollte ich als Teenager unbedingt gehören. Klischee Ahoi.

Als ich dann aber auf meinem ersten Schiff mehrfach vom Bootsmann wegen anscheinend erwiesener Blödheit geohrfeigt wurde, sah die Sache anders aus. Die schönen grünen Wellen lösten auch keine Romantik, sondern vor allem Seekrankheit aus. Ich wollte dann doch lieber Drogist werden. In der Drogerie riecht es zumindest besser, als auf meinem Tanker. Aber um nicht als Versager nach Hause zurück zu kehren, entschloss ich mich, erst nach Erreichen des höchsten Dienstgrades, also des Kapitäns, die Seefahrt wieder an den Nagel zu hängen. Was ich dann auch getan habe – und so blieb ich auf den Meeren.

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Ein Klischee nach dem anderen

Von Kapitän Schwandt, meinem lieben Vorgänger auf der „Brücke“ hier in der Ankerherz-Kolumne habe ich gelesen, dass er selten bis nie einen Rassisten auf einem Schiff erlebt hat. Ich kann das nach meinen Erfahrungen leider nicht bestätigen. Es waren furchtbare Arschlöcher dabei. Besonders im Gedächtnis bliebt mir bis heute mit ein Kümo-Kapitän, also der Kapitän eines kleineren Frachters.

Damals war ich Honorar-Konsul von Tuvalu und war von Matrosen aus diesem Land an Bord gerufen worden, als ihr Schiff in die Schleuse von Brunsbüttel lief, hinein in den Nordostsee-Kanal. Sie hatten arge Probleme an Bord und wollten nicht weiterfahren. Eine Eskalation drohte, bis hin zur Arbeitsniederlegung, was für die Seeleute rechtlich schwerste Konsequenzen gehabt hätte. Ich ging also in Brunsbüttel an Bord, und mir kam ein „Cowboy“ entgegen, der auf mich wie ein Schauspieler aus einem miesen Western wirkte: mit Stetsonhut. Fransenweste und Cowboystiefeln. Er stellt sich mir als Kapitän vor.

Der Kapitän war ein furchtbarer Rassist

Ich bat als Konsul des Landes, aus dem die Matrosen kamen, mit der Crew sprechen zu dürfen. Der Kapitän weigerte sich zunächst und willigte erst ein, als ich ihm die Rechtslage erklärte. Von den Matrosen hörte ich dann, was an Bord los war: Bei Arbeiten mit Drähten voller Fleischerhaken durften die Leute keine Handschuhe anziehen, was, wie sogar Laien sofort verstehen, sehr gefährlich ist. Auf See, bei sehr schlechtem Wetter, wurden die Leute ohne Sicherung an Deck beordert, um dort unsinnige Arbeiten zu verrichten. Der Kapitän benutzte gerne und häufig Ausdrücke wie „Kanacker”. Ganz offensichtlich ein Rassist in Uniform.

Ich rief den Reeder an. Gottseidank konnte der Eigner mit einem solchen Typen auf seinem Schiff nichts anfangen. Der Cowboy wurde noch in der Schleuse Holtenau abgelöst, kam also gerade noch bis zum Ende des Kanals. Mit Mühe und meiner Überredungskunst schaffte ich es, die Crew zu überreden, weiterzuarbeiten und an Bord zu bleiben.

 

(Notiert von Stefan Kruecken, Ankerherz)

KAPITÄN STEFAN SCHMIDT, JAHRGANG 1941, FUHR KNAPP FÜNF JAHRZEHNTE ZUR SEE. 2004 RETTETE ER 37 FLÜCHTLINGE AUS DEM MITTELMEER, WURDE DESHALB ANGEKLAGT UND GING FAST IN DEN KNAST. SEIT FÜNF JAHREN IST ER ZUWANDERUNGSBEAUFTRAGTER DES LANDES SCHLESWIG-HOLSTEIN. IM ANKERHERZ BLOG BERICHTET ER AB SOFORT VON SEINEM LEBEN UND SEINER ARBEIT.

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