KAPITÄN SCHMIDT: Eine Rettung, ein Skandal und der Knast

Kapitän Schmidt rettete 37 Flüchtlinge aus akuter Seenot. Die Tage nach der Aktion geraten zu einem Martyrium – und münden beinahe in einem internationalen Skandal. Von den italienischen Behörden wurde er dafür wegen „Menschenschmuggels“ angezeigt und kam ins Gefängnis. Der Prozess gegen ihn in Süditalien beendete seine Berufslaufbahn. Heute ist Stefan Schmidt, 75, ein Lübecker, Zuwanderungsbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein.

In drei Teilen dokumentieren wir die Geschichte der Rettung.

Aufgezeichnet von Stefan Krücken, Ankerherz Verlag

“Ich spürte eine Wut in mir, eine Empörung, die meinen Glauben an die Rechtsstaatlichkeit in Europa erschütterte, doch in vielen Jahren auf den Meeren habe ich gelernt, meine Gefühle zu kontrollieren. Nach Anklage eines italienischen Staatsanwaltes drohten mir vier Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe von 400.000 Euro, weil ich 37 Leben gerettet habe. Weil ich Schiffbrüchige an Bord nahm, die in einem beschädigten Schlauboot auf offener See trieben und ohne Hilfe die nächsten Stunden nicht überlebt hätten. Manchmal erscheinen mir das Gerichtsverfahren und die Reaktionen mancher deutscher Medien darauf wie Passagen aus einem Roman von Franz Kafka, in den ich hinein geriet.

Ich fürchte, dass manche Schiffsführung nach dem, was meinem Ersten Offizier und mir widerfahren ist, wegsehen wird, statt Flüchtlingen in Not zu helfen. Ich wundere mich, was geschehen muss, um ein größeres Interesse für eine Tragödie zu wecken, die im Mittelmeer jährlich zehntausende Menschen das Leben kostet. Und ich fühle mich von der damaligen rot-grünen Bundesregierung, die mir als Kapitän eines Schiffs unter deutscher Flagge hätte helfen sollen, verraten.

Flüchtlinge Schlauchboot

Meine letzte Reise als Kapitän wurde meine traurigste.

Auf 33°,46’, Nord und 12°, 15’ West beginnt meine Geschichte, 47 Seemeilen (knapp 86 Kilometer) vor der Küste von Lybien, am Nachmittag des 20. Juni 2004. Mit der „Cap Anamur“, dem Frachter der in Köln ansässigen Hilfsorganisation „Komitee Cap Anamur“, befinden wir uns mit medizinischen Gütern, mit Lebensmitteln und Notfallausrüstung auf dem Weg nach Akaba in Jordanien. Den Lotsen für den Suez-Kanal habe ich bereits bestellt. Zuvor hatten wir Häfen in Sierra Leone und Liberia angelaufen, und auf der Fahrt zurück gab es Probleme mit der Maschine. Auf den Kanaren und in La Valletta (Malta) lagen wir wegen Reparaturarbeiten in den Docks fest, und ich bin erleichtert, endlich wieder auf See zu sein, als mich der Zweite Offizier auf die Brücke ruft.

Ein Schlauchboot ist durchs Fernglas zu erkennen, und zunächst glaube ich, dass es sich um Arbeiter einer nahegelegenen Ölplattform handelt. Doch dann schwenkt einer der Passagiere ein rotes Tuch, und wir fahren näher heran. Das Boot ist überladen, es verliert Luft, es ist instabil, der Außenborder stößt Rauch aus. Ich weiß, dass der Wetterbericht eine Zunahme des Winds auf mehr als vier Beaufort voraussagt.

Diese Männer haben keine Chance, die Nacht zu überleben.

Ich lasse die Maschine stoppen. Zunächst kommt nur einer der Schiffbrüchigen an Bord, weil man sich auch im Mittelmeer vor Piraten in Acht nehmen muss. Der junge Mann erklärt auf Englisch, dass sie allesamt aus dem Sudan stammten. Sie hätten in einer Art Lager gelebt und für die Bezahlung der Überfahrt in einer Hotelanlage an der Küste arbeiten müssen. Mit Hilfe eines Kompasses für Kinder hielten sie nach Norden, um die Insel Lampedusa zu erreichen. Als wir das Schlauchboot mit einem Kran an Deck der „Cap Anamur“ hieven, findet ein Matrosen einen Zettel mit einem Gebet:

„Lieber Gott / wenn Du meinst, dass diese Fahrt gut ist / lasse sie gut enden / Wenn Du meinst, dass sie nicht gut ist, verhindere sie.“

Jeder Kapitän kann bestätigen, dass es eine schwierige Situation ist, Flüchtlinge an Bord zu haben. Wo gehen sie an Land? Welcher Staat nimmt sie auf? Wer behandelt sie „mit Sicherheit und mit Würde“, wie es das Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen verlangt? Ein lybischer Hafen kommt nicht in Frage, Tunesien scheidet ebenfalls aus und es stellt sich heraus, dass die der nächstgelegene Hafen von Lampedusa für die knapp hundert Meter lange „Cap Anamur“ zu klein ist. Ich bitte die Zentrale in Köln um Unterstützung, in der man aber offenkundig überfordert ist. Zunächst nennt man uns Häfen, die wegen der Größe unseres Schiffs nicht in Frage kommen und dann einen Phantasienamen, weil in der Verständigung mit einer italienischen Hilfsorganisation, die man um Rat bat, etwas schief gegangen ist.

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Was passiert nun?

Die Schiffbrüchigen werden derweil von unserer Bordkrankenschwester Birgit Geiger betreut. Sie sind dehydriert, weil die Wasservorräte im Schlauchboot aufgebraucht waren, und leiden unter Muskelschmerzen, von der langen Sitzerei. Aber die jungen Männer zwischen 17 und 35 Jahren erholen sich schnell in einem Notlager aus Matratzen, das wir in einem Zwischendeck eingerichtet haben. Mit Tischtennis, Brettspielen, Kicker und der Musik aus einem kleinen Transistorradio kommen sie durch die Tage, auch wenn ihre Stimmung wegen der Ungewissheit, was nun mit ihnen geschehen wird, gedrückt ist.

 

NÄCHSTER TEIL: Keine Hoffnung – an Bord droht eine Meuterei

 

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