KAPITÄN SCHMIDT: Das Weihnachtsmonster auf dem Nordatlantik

Die dunklen Monate sind eine gute Zeit, Fotos und Erinnerungen zu sortieren. Ich dachte an eine Passage über den Nordatlantik, lange her, Anfang der 1960-er Jahren muss es gewesen sein. Wir fuhren von Hamburg an die Ostküste der USA, in Ballast, um in Newport, Virginia, Kohle für das Kraftwerk in Harburg zu holen.

An Bord reisten zehn Passagiere mit, denn das Fliegen war teuer in jener Zeit. Unser Kabelgattsmatrose Willi kam auf eine glorreiche Idee. „Wisst ihr was? Ich spiele den Weihnachtsmann“, sagte er.

Weihnachten für Seeleute

Aus grobem „Rabbeltuch“, so einer Art Stoff, aus dem Zwiebelsäcke hergestellt werden, schnitt er sich einen riesigen Kegel, den er mit roter Rostschutzfarbe anmalte. Nur Kopf und Arme schauten heraus. Aus der Bordapotheke bekam er vom Zweiten Offizier Watte, um sich einen Bart und ein weißes Haarteil zu basteln.

 

Weihnachten für Seeleute – es ist nicht leicht

Seine Geschenke: Tauwerk mit Knoten; wenn man Fantasie hatte, konnte man Tiere erkennen, vielleicht eine seltsam verknotete Anakonda. Er stopfte sie in einen alten Seesack, der die besten Tage vor vielen Jahren hinter sich hatten. Wir trauten es nicht, ihm zu sagen, doch Willy sah furchterregend aus.

In dieser Verkleidung – die Farbe war noch naß und klebte – spazierte er zur Abendbrotzzeit in den Salon, in dem die Passagiere versammelt waren. Das Wetter war wie eigentlich immer auf dem Nordatlantik im Winter: schlecht. Das Schiff rollte schwer in der See.

„Ho-ho-ho!“

Dann war ein Schrei zu hören.

Unser Steward, der gerade mit Hühnersuppe aus der Kombüse um die Ecke bog, bekam mein Anblick des „Weihnachtsmonster“ einen Schreck und ließ die große Suppenschüssel fallen. Eine Dame stimmt in den Schrei mit ein, dann lachten alle. Bis wir feststellten, dass die fettige Suppe durch den Salon schwappte und den Boden in eine glitschige Piste verwandelte. Jeder Versuch, aufzustehen, endete schmerzhaft auf dem Steiss.

Wir haben also alle laut so lange um Hilfe gerufen, bis es der zweite Steward in der Mannschaftsmesse hörte. Mit Eimer und Feudel machte er sich daran, die Hühnerei aufzuwischen.

Es war das letzte Mal, dass das Weihnachtsmonster „Willy“ eine Bescherung machte.

 

(aufgeschrieben von Stefan Kruecken)

 

KAPITÄN STEFAN SCHMIDT, JAHRGANG 1941, FUHR KNAPP FÜNF JAHRZEHNTE ZUR SEE. 2004 RETTETE ER FLÜCHTLINGE AUS DEM MITTELMEER, WURDE DESHALB ANGEKLAGT UND GING FAST IN DEN KNAST. SEIT FÜNF JAHREN IST ER ZUWANDERUNGSBEAUFTRAGTER DES LANDES SCHLESWIG-HOLSTEIN. SCHMIDT HAT DREI ERWACHSENE SÖHNE UND LEBT IN LÜBECK. IM ANKERHERZ BLOG BERICHTET ER VON SEINEM LEBEN UND SEINER ARBEIT.

 

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