KAPITÄN SCHWANDT: 80 Sommer. Liebe

Bevor Kapitän Schwandt schwer erkrankte, arbeiteten wir an „80 Sommer“. In diesem Buch sollte es nicht um Politik gehen, sondern um alltägliche Dinge. Ein Buch mit der Lebenserfahrung von 80 Jahren, von „80 Sommern“. Man könnte sagen: Ein Logbuch für die Stürme des Alltags.

Hunderte, tausende Mails und Nachrichten hatten uns im Verlag und auf der Facebook-Seite erreicht. Wir mussten die Nachrichten-Funktion der Seite abschalten, weil es einfach zu viele wurden – an einem Wochenende erreichten uns einmal mehr als 500 solcher Fragen. „Ich bin ja fast der Kummerkastenonkel“, hatte Kapitän Schwandt gewitzelt.

Wie immer, wenn Kapitän Schwandt und ich an einem Buch arbeiteten, unternahmen wir eine Seereise. Auf die Aland-Inseln, Finnland, wohin Schwandt vor mehr als 60 Jahren als Schiffsjunge gereist war.

Wegen der Krankheit des Kapitäns wird es  „80 Sommer“ nicht geben. Arbeit an einem Buch kostet Kraft. Diese Energie braucht der Kapitän. Doch wir haben uns gemeinsam mit ihm entschieden, manches aus den Texten und dem Material, das wir bereits erarbeitet haben, hier in seinem Blog und auf Facebook zu veröffentlichen. Kurze Antworten, Fragmente, Texte, Collagen – was es bereits gibt.

Vielleicht hilft es dem einen oder anderen.

Im ersten Teil war das Thema die Freundschaft. Diesmal geht es um die Liebe.

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ZUM TEUFEL MIT DER TRAUMFRAU

You can’t see it with your eyes, hold it in your hands

But like the wind it covers our land

Strong enough to rule the heart of any man

This thing called love

It can lift you up never let you down

Take your world and turn it around

Ever since time nothing’s ever been found

That’s stronger than love

Johnny Cash

„Ich bin seit 46 Jahren Jahren verheiratet. Meine Frau Gerline ist meine beste Freundin, meine Liebe, eine starke Lebenspartnerin. Ich bin froh, dass wir uns gefunden haben, im „Zillertal“, einem gutbürgerlichen Tanzlokal, auf der Hamburger Reeperbahn. Die Umgebung war wenig romantisch, doch was folgte, schon eher. Ich glaube nicht an Liebe auf den ersten Blick, doch in unserem Fall gab es vom ersten Augenblick eine starke Anziehung.

Gerlinde ist der Grund, warum ich die Seefahrt aufgab, obwohl es mir schwerfiel. Ich wußte, dass ich mich entscheiden musste: Das Leben an Bord oder das Leben in einer Partnerschaft. Beides ging nicht, konnte nicht funktionieren. Eine Partnerschaft im Rhythmus von Monaten zu führen, zermürbt einen eher, als es einen erfüllt. Heutzutage ist das vielleicht anders, im Zeitalter von Emails und Skype, in dem man beinahe von jedem Ort der Erde per Satellit erreichbar ist. Damals gab es mal eine Postkarte und einen Brief oder einen schnellen Anruf, wenn man irgendwo in einer Zelle stand und das Münzgeld durch den Automaten klimperte.

Wie funktioniert Liebe?

Ich vermute, dass ich kein einfacher Lebenspartner bin. Gerlinde macht mit mir schon was mit, doch sie hat ein großes Selbstbewusstsein und in ihrem Leben wie Berufsleben vieles gesehen und erlebt. Sie arbeitete als Krankenschwester im Operationssaal einer großen Hamburger Klinik. Wer das Schicksal vieler Menschen erlebt hat, ist vorbereitet auf das Leben. In den ersten Jahren sahen wir uns nur wenig: Ich war viel unterwegs und Gerlinde hatte wechselnden Schichtdienst. Oft tauschten wir uns unter der Woche über Zettel aus, die wir auf den kleinen Tisch im Flur legten.

Eine der Fragen, die mir am häufigsten gestellt werden, lautet: Wie schafft man es, so lange zusammen zu bleiben? Wie ist es möglich, mehr als vier Jahrzehnte miteinander zu verbringen in einer Zeit, in der knapp die Hälfte aller Ehen geschieden werden?

Die Probleme fangen für die Meisten doch schon an, bevor man ein gemeinsames Klingeldschild neben der Tür hat: mit der falschen Erwartungshaltung. Es gibt weder den Traummann noch die Traumfrau, es gibt nicht die perfekte Lösung. Sollte es sie gegeben haben, lebte sie vielleicht vierhundert Jahre vorher oder wird erst in hundert Jahren geboren oder lebt auf einem anderen Kontinent. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich die Traumprinzessin oder den Traumprinzen finde, geht also gegen Null. Was bedeutet dies in der Realität? Es ist wichtig, Prioritäten zu setzen und sich selbst die richtigen Fragen zu stellen.

Liebe fängt an, wenn die Schmetterlinge wegfliegen

Was ist mir wichtig am Partner? Mit welchen Schwächen kann ich leben? Wie viel Distanz brauche ich, wie viel Nähe kann ich zulassen? Wie viel Nähe braucht der Partner, welche Distanz benötigt er? Und vor allem: Stimmen Herkunft, Bildung, politische Einstellung und kulturelle Interessen überein? Welche Gemeinsamkeiten gibt es? Wenn diese Gemeinsamkeiten nicht vorhanden sind, wird es auf lange Sicht schwer.

Also Augen auf, einen Moment die Hormone abschalten und schauen, welcher Mensch hinter der Fassade steckt! Für Männer gilt: Langes Haar, lange, schlanke Beine im Minirock auf High Heels ergeben noch keine Ehefrau. Für Frauen ist ratsam: Ein Waschbrettbauch, muskulöser Oberkörper und Drei-Tage-Bart machen nicht unbedingt den perfekten Ehemann aus.

Nach etwa zwei Jahren, wenn die letzten „Schmetterlinge“ verflogen sind, macht es dann Sinn, über die nächsten Schritte nachzudenken. Gemeinsam Wohnung, Alltagstest. Ich beobachte, dass gerade junge Menschen immer früher Tatsachen schaffen wollen und frage mich, warum. Ist es darin begründet, dass die Welt immer unübersichtlicher erscheint und man sich im Privaten nach einem Halt sehnt?

Ich weiß es nicht.“

 

Nächster Teil: Liebe ist auch Arbeit.

 

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