KAPITÄN SCHWANDT: Aloch oder Hanseat

Mein Vater war ein hoher Nationalsozialist und blieb auch nach Kriegsende ein ewiger Verlierer. Fotos von Leichenbergen in den befreiten Konzentrationslagern bezeichnete er als Fälschung. Meine Mutter war eine Mitläuferin und Sympathisantin. Es gab daheim oft hitzigen, lauten Streit. Ich musste meine Eltern konfrontieren, und ihre Haltung war ein Grund, warum ich früh von zu Hause ausriss und zur See fuhr. Weit weg. Ich habe mich oft geschämt.

Ich war neun Jahre alt, als der Krieg endete. Heute bin ich 79. Ich sehe die Bilder von Heidenau und anderswo, und ich schäme mich wieder. Hört das denn nie auf? Wieder brennende Unterkünfte, tägliche Überfälle, wieder „Deutschland den Deutschen“. Wieder dieses „Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber…“, auch im Kleinen, beim Bäcker, in der Straßenbahn. Ich dachte wie viele andere, diese Zeiten seien vorbei. Sommermärchen? Es ist ein Sommeralptraum und ich spüre kalte Wut.

Es gibt andererseits auch so viele Bürger – und es ist insgesamt die große Mehrheit! – die Flüchtlingen aus Kriegsländern wie Syrien oder Afghanistan helfen wollen. Wir alle müssen aufstehen, von Anfang an Stellung beziehen, auch in der Straßenbahn und beim Bäcker, überall dort, wo wir mit rechten Sprüchen konfrontiert sind. Und es wird höchste Zeit, dass der Rechtsstaat endlich handelt und sich wehrt. Das Staatsanwälte ihren Job machen und Richter Strafen verhängen. Wie viele Verhaftungen gab es in Heidenau? Keine! Wie lange gingen die Rechtsextremen, die in Berlin eine ausländische Familie bedrohten und anpinkelte, in Haft? Nicht mal ein paar Stunden! Auch dies ist ein Skandal. Ich erwarte von unseren Politikern, dass sie klare Kante zeigen. Als Sigmar Gabriel, ansonsten Allesversteher von der SPD, den Mob von Heidenau als „Pack“ bezeichnete, wurde er von manchen kritisiert. Ich finde, er ist so deutlich geworden, wie er konnte. Gut so.

Man hilft Menschen in Not. Punkt.

Ich war viele Jahrzehnte auf allen Meeren und in vielen Häfen unterwegs. Ich habe gelernt, dass es überall gute Menschen gibt und überall Arschlöcher, unabhängig von Nationalität, Religion und Rasse. Dass es in Hamburg so große Unterstützung für Flüchtlinge gibt, dass so viele spenden und sich kümmern, freut mich. An die Adresse der feinen Harvestehuder, die gegen das Heim in ihrem Viertel klagten und an jene Jenfelder, die vor den Zelten dumpfes Zeug pöbelten: Ihr seid für mich keine Hanseaten. Bei uns hilft man Menschen in Not und verhält sich so, wie es ein Facebook-Freund an meine Seite postete: „Was sagen Sie als Hamburger eigentlich zu den ganzen Flüchtlingen hier? „Ich sage Moin und nicke. Man will ja nicht aufdringlich wirken.“

 

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See.

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1 comment

Danke für diesen Text! Es sind starke und mutmachende Worte weiter zu machen. Besonders hier in Dresden. Danke!
Joseph Wenzel on Sep 01 2015

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