KAPITÄN SCHWANDT: Als Autoknacker in Chicago

Als treuer Leser meiner Kolumne in der Hamburger Morgenpost wissen Sie, wo es heute weitergeht. In Chicago, Anfang der 1950er Jahre: Mein Kumpel Lackmann und ich versuchten beim Landgang, den Weg vom Schiff in die Stadt abzukürzen, in dem wir den Chevy eines Gebrauchtwagenhändlers knackten. (Hier geht es zur letzten Folge) Funktionierte nicht – dafür war ein wütender, bewaffneter Mob hinter uns her. Ich war nie wieder in meinem Leben so froh, eine Polizeisirene zu hören.

Die Cops zogen Waffen, schauten so grimmig, wie man das von Polizisten in Chicago erwarten darf, und brachten uns zur Wache. Sie überprüften unsere Papiere und berieten, was zu tun sei: Wir waren Seeleute, ordentlich betrunken und nach amerikanischen Recht minderjährig. Untersuchungshaft? Sie fuhren mit uns zum Schiff. In Handschellen mussten wir über die Gangway gehen. Es war mitten in der Nacht, der Alte schlief, doch die Cops ließen ihn wecken.

 

Als Kapitän Steffen, ein fülliger Typ mit dem Gesicht eines Bauern, im Schlafanzug auf der Brücke erschien, wirkte er verknittert und so, als wandele er durch seinen eigenen Traum.

„Captain, achten Sie gefälligst darauf, dass Minderjährige keinen Alkohol bekommen!“, schnauzten die Cops. „Und sorgen Sie für eine angemessene Strafe. Dann vergessen wir die Sache!“

Der Alte nickte, grunzte etwas, er wollte nur zurück in seine Koje.

Kein Gefängnis in Chicago

Ich konnte unser Glück kaum fassen: Statt Gefängnis in Chicago, was ich mir wenig einladend vorstellte, ein Gratis-Taxi zurück an Bord! Es blieb auch Zeit, eine überzeugende Ausrede vorzubereiten. Am nächsten Morgen – ich arbeitete in einer der vorderen Luken – rief mich der Bootsmann. „Schwandt, los, zum Alten!“ Er erwartete mich auf der Brücke und musterte mich aus schmalen Augen:

„Was war los letzte Nacht?“

Er hatte wenig mitbekommen, was am Schlaf lag und auch an seinen übersichtlichen Englisch-Kenntnissen.

„Wissen Sie, Lackmann und ich, wir waren in einer Bar. Draußen wurde ein Auto geklaut, die Polizei suchte Zeugen, und dann gab es ein komisches Missverständnis, weil wir ja minderjährig sind und keinen Alhohol trinken dürfen“, flunkerte ich. Der Alte musterte mich skeptisch, ganz überzeugt schien er nicht zu sein.

„Missverständnis, soso. Zurück an die Arbeit!“

Ich nickte, verließ langsam die Brücke und rannte dann, als ich außer Sichtweite war, so schnell ich konnte in die Maschine. Ich flog die Niedergänge regelrecht hinunter und fand meinen Kumpel Lackmann. „Hör´zu, der Alte weiß von nichts – das hier ist unsere Geschichte“.

Ein paar Minuten später tischte Lackmann dem Kapitän meine Lügenstory auf. Steffens brummte etwas von „hysterischen Amis, die spinnen wohl“ und schüttelte den Kopf. Damit war der Fall erledigt.

 

JÜRGEN SCHWANDT, JAHRGANG 1936, WUCHS IN SANKT GEORG AUF. ER FUHR JAHRZEHNTELANG ZUR SEE UND LEBT HEUTE IN HAMBURG. GERADE ERSCHIEN SEINE BIOGRAPHIE „STURMWARNUNG“

Sturmwarnung Norderney

 

 

0 comments

Leave A Comment