KAPITÄN SCHWANDT: Banker ohne Moral

Ein Geburtstag ist eine schöne Sache, und ein 425ter Geburtstag muss unbedingt Anlass für ein wilde Party sein. Warum aber fliegt die ehrwürdige Berenberg Bank, die einst Hapag und den Norddeutschen Lloyd mitbegründet hat, den Sänger Robbie Williams für ein Mitarbeiterfest ein? Knapp eine Million Euro hat die Banker dieser Auftritt angeblich gekostet, der 40 Minuten dauerte. Macht 25.000 Euro mit einer Zeigerdrehung oder 416 Euro pro Sekunde. Ein Preis, von dem die käuflichen Robbies auf Sankt Pauli nur träumen. Mehr Dekadenz war nie in Hamburg. Happy Birthday!

Hinterher lässt sich der Bank-Chef mit den Worten zitieren: „Davon spricht man bei Berenberg noch in zehn Jahren.“ Ich hoffe, man spricht über Berenberg noch weitaus länger, und zwar immer dann, wenn man überlegt, wo man seriös Geld anlegen möchte. Was sagt es über den moralischen Kompass einer Bank, wenn sie eine Million Euro in die ganzkörperbehaarte Juke-Box namens Williams einwirft, während einige hundert Meter entfernt freiwillige Helfer nicht wissen, wie sie Kleiderspenden für Kriegsopfer sortiert bekommen?

Unbequem in der Komfortzone

Was ist aus hanseatischen Tugenden geworden? Die Älteren werden sich erinnern: Bescheidenheit, Zurückhaltung, Understatement. Heute wollen sich die Typen aus der Chefetage, die mit den seidenen Einstecktüchern, den kleinen Plauzen und dem Gel im Resthaar, auch mal wie wilde Rocker fühlen. In Zeiten, in denen es unbequem wird in der Komfortzone, zeigt sich, wessen Geistes Kind wer ist. Ich bin stolz auf meine Hamburger: Zehntausende spenden, tausende packen in unserer Stadt mit an. Überall im Land wurden Flüchtlinge in Bahnhöfen mit Beifall empfangen. Menschen bieten auf Portalen im Internet ihre Unterstützung an, wollen Deutsch unterrichten oder Kindern nur einen Ausflug ermöglichen. Während sich Europas Politiker über die Quoten streiten, haben Europas Bürger längst gezeigt, was unseren Geist ausmachen sollte. An Stelle von Robbie Williams würde ich jetzt „Angels“ singen.

Mies finde ich es, wenn Prominente mit angeblicher Hilfe für Flüchtlinge Reklame in eigener Sache betreiben. Udo Lindenberg zum Beispiel, der in Bremen ein Konzert für knapp 200 Asylsuchende gab. Man stelle sich das aus deren Sicht vor: Flucht, Angst, einige tausend Kilometer Weg, Wochen voller Entbehrung – und dann wird man in eine Halle geschoben, in der ein Typ unter einem Hut in ein Mikrophon nuschelt. „Wir werden jetzt Freunde“, den Hit für die Asylsuchenden, hat er auch gespielt. Ich vermute mal, den „Freunden“ wäre eine warme Mahlzeit oder eine funktionierende SIM-Karte lieber gewesen.

Mich tröstet ein Gedanke: Die Flüchtlinge sind Kummer gewohnt.

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See. Am 14/4 erscheint seine sehnsüchtig erwartete Biographie Sturmwarnung. Sie kann hier vorbestellt werden.

 

 

0 comments

Leave A Comment