KAPITÄN SCHWANDT: Besorgte Bürger? Angsthasen!

Ich möchte heute über die Angst schreiben. Angst ist ein großes Wort in diesem Herbst. In Dresden haben Menschen, die in einer Bundesland mit einem Ausländeranteil von 2.2 Prozent (!) leben, noch immer und immer mehr Angst vor Überfremdung. Andere haben Angst um ihr „Vaterland“ und nennen sich „Patrioten“, die „ihr Land“ vor den Flüchtlingen „schützen“ müssen. Als sich ein Reporter unter die Angsthasen mischte und wissen wollte, woher die ganze Angst kommt, wurde er geschlagen. Besorgte Bürger?

Ich glaube nicht, dass diese Leute Angst haben. Ich vermute, dass sie Argumente suchen, ihren Scheiß zu rechtfertigen, von dem sie ahnen, dass er nicht zu rechtfertigen ist: Ihre Kleinkariertheit, ihren Neid, ihre plumpe Ausländerfeindlichkeit. Neid auf „die da oben“, Wut auf das eigene Versagen. Leute, die seltsam unzufrieden sind und nicht ahnen, wie froh sie sein sollten. Leute, die ihren Namen nicht unfallfrei schreiben können und im Facebook Flüchtlinge in Konzentrationslager wünschen. Auf meiner eigenen Facebook-Seite hatte ich auch so einen „besorgten Bürger“, der es schaffte, in zehn Wörter fünf Rechtsschreibfehler einzubauen.

An seiner Stelle wäre ich auch „besorgt“, dass ihm ein Flüchtling den Job wegnimmt: jeder Fahrradständer könnte das.

Die Partei, die mit diesen Ängsten spielt und sie schürt, nennt sich „Alternative für Deutschland“, schon der Name ist ein Scherz. Wie sollen wir uns denn alternativ nennen? „Schland“? Im Ernst: Der Auftritt dieses Herrn Höcke in der Talk-Show von Jauch, bei dem er sogar eine Nationalflagge entrollte und als Ärmelschoner verwendete, hat mich zunächst belustigt und dann verärgert: „Tausend Jahre Deutschland“ sollten „vernichtet“ werden, unkte er, „Liebe zum Vaterland“ treibe ihn an, und dies trug Höcke mit einem seltsamen Herrenmenschen-Tremolo vor, das an Internet-Videos aus dem Sportpalast erinnert.

Besorgte Bürger? Ich bin auch besorgt

Wie tief sind wir wieder gesunken, wenn im Jahr 2015 ein Westentaschen-Goebbels im Fernsehen seinen Unfug verbreitet? Tausende wackeln einem vorbestraften Kleinkriminellen namens Bachmann hinterher, der einen abgehalfterten, wirren Autoren von Katzen-Romanen einlädt. Dieser wiederum bedauert, dass hierzulande die KZ geschlossen sind. Dresden ist die Hauptstadt von Absurdistan. Noch alles Heil, Höcke?

Angst macht mir das alles nicht. Ich denke, dass ein Sturm aufzieht, und immer dann, wenn ein Sturm aufzieht, muss man wachsam sein. Auch und gerade eine Demokratie muss sich wehren. Wir als Hamburger haben schon viele Stürme erlebt, und ich bin sicher, auch mit diesem werden wir fertig.

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und lebt heute in Hamburg. Seine Biographie “Sturmwarnung” wurde ein SPIEGEL-Bestseller. Gerade erschien sein neuer Kolumnen-Band “Klare Kante”. Hier bestellen!

6 comments

[…] meisten Reaktionen auf meine „Angst“-Kolumne aus der letzten Woche haben mich gefreut, es gab viel Zuspruch. Natürlich ergriffen auch die […]
HALLOWEEN und die bösen Geister von Pegida on Okt 22 2016
Ach ja? Erläuter doch mal. Bitte mit Quelle etc :)
Stefan Schwarz on Mrz 15 2016
Wartet mal ab, wie in den nächsten Jahren, dieses Eures Land aus den Fugen gerät, Dann erkennt Ihr auch die Wirklichkeit, warum die SPD im Wahlkampf untergegangen ist.
Sandmann on Jan 24 2016
Den finde ich gut!
Sandmann on Jan 24 2016
Ich finde es, trotz Presse- und Meinungsfreiheit, die unsere Verfassung garantiert, traurig dass das deutsche Fernsehen solchem Gedankengut Wort und Bild bietet, einem Millionenpublikum zugänglich macht. Und was ich noch schlimmer finde, das dort der Staat, als oberste Instanz des Grundrechtes, und ins besondere der Inlandsschutz und der BND nicht da zwischen schlagen. Leute, wir hatten schon einmal ein "Tausend jähriges Reich", das Gott sei Dank, nur 12 Jahre überlebt hat und trotzdem 50 Millionen Tode verursachte! Sicher, ich bin auch nicht mit allen Entscheidungen in der Flüchtlings- und Asylpolitik einverstanden. Aber ich greife deshalb niemanden verbal oder körperlich an!
Carsten Münchhoff on Jan 14 2016
...und dieser Mann war im öffentlichen Schuldienst...ich finde das erschreckend, was er da hat anstellen können!
Markus Ahrens on Jan 14 2016
Wie ein mir bekannter , inzwischen leider verstorbener Kapitän sagte : Reffe lieber 10 Minuten zu früh als zu spät. Die paar Kabellängen , die du gewinnst, nimmt dir der Sturm wieder ab, und womöglich bezahlst du mit zerrissenen Segeln , gebrochenen Spieren und deine Crew verflucht ihren dämlichen Käpt´n. Godspeed , Kapitän Schwandt
Herbert Strasser on Jan 10 2016

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