KAPITÄN SCHWANDT: Das stille Sterben im Mittelmeer

Vorbemerkung: DAS STILLE STERBEN IM MITTELMEER ist dramatischer als je zuvor. Nach Angaben von Hilfsorganisationen sind bis zum 30. Mai 2016 bereits 2499 Menschen im Mittelmeer ertrunken – mehr, als im Vergleichzeitraum jemals zuvor. Während sich Europa abschottet, wird das Mittelmeer zum Massengrab. Diese Kolumne von Kapitän Schwandt stammt aus aus dem April 2015 – aber die auf traurige Art aktueller als jemals zuvor.

 

In einer Zeit der schlechten Nachrichten war es eine, die mich getroffen hat wie ein Leberhaken. Mehr als tausend Menschen, darunter viele Kinder, sind in der vergangenen Woche im Mittelmeer ertrunken, vielleicht waren es auch mehr, denn niemand weiß es so genau. Es ist grauenvoll. Ich habe mir vorgestellt, wie die letzten Stunden der Flüchtlinge an Bord verliefen, eingesperrt in der Dunkelheit unter Deck, ohne Wasser, ohne Nahrung. Ich habe mir vorgestellt, wie schrecklich ihr Todeskampf gewesen sein muss, als das Boot sank.

Ich habe mir ausgemalt, was in den Herzen der Seeleute vorgegangen ist, als sie versuchten, die Menschen aus der See zu ziehen. Und später, als sie die Leichen bargen. „Europas Schande“ haben viele Zeitungen getitelt.

22.06. 2016 Finnline, Kapitän Jürgen Schwankt während der Überfahrt von Trelleborg nach Helsinki

Ja, das ist es. Eine Schande.

Ich bin ein alter Kapitän, ich bin kein Politiker. Ich kann nicht erklären, wie wir die Ursachen der Massenflucht stoppen. Was wir unternehmen sollten, um die Diktatoren zu bekämpfen, die ihre Länder ausbeuten und Regionen ins Elend stürzen. Ich weiß nicht, was wir gegen die Schlepperbanden unternehmen müssen, diese Monster, die Menschen in den Tod schicken. Wer weiß denn eine Lösung für das gewaltige Dilemma: Erleichtern wir die Einreise, machen sich womöglich Millionen auf den Weg zu uns. Das kann nicht funktionieren.

Ich versetze mich in die Situation eines Flüchtlings aus einem Kriegsland. Mal angenommen, ich habe Familie und komme zum Beispiel aus Syrien – würde ich versuchen, nach Europa zu gelangen, weg vom Terror der IS und von Assad, auch wenn es mich alles und vielleicht mein Leben kostet? Ja, das würde ich.

Sie nicht auch?

Was die konkrete Notsituation auf dem Meer angeht, habe ich eine klare Meinung: Hilfe ist Pflicht. Als Seemann, als Mensch. Alle Kapitäne, die in diesen Wochen im Mittelmeer unterwegs sind, spüren ein mulmiges Gefühl. Dutzende Flüchtlinge an Bord zu nehmen, wenn nicht sogar hunderte, bedeutet ein großes Risiko. Niemand kann sagen, ob die Situation außer Kontrolle gerät. Ich kenne den Fall eines Kapitäns aus Lübeck, der nach seiner Hilfsaktion von den italienischen Behörden wegen „Menschenschmuggels“ angezeigt wurde. Der Prozess, der sich über Jahre zog, endete mit einem Freispruch, ruinierte ihn aber fast.

Wer wegsieht, muss später mit der Schuld leben. Das gilt nicht nur für die Seeleute auf dem Mittelmeer.

 

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und lebt heute in Hamburg. Gerade erschien seine Biographie „Sturmwarnung“.

Sturmwarnung Mull

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