KAPITÄN SCHWANDT: Denkt an deutsche Seeleute!

An diesem Wochenende läuft der Hamburger Hafengeburtstag auf allen Pötten. Ich war gestern selbst auf der Elbe unterwegs, auf einem schnellen Schlauchboot – und habe es genossen, die Landungsbrücken mal wieder vom Wasser aus zu sehen. An Land ist mir der Rummel zu viel. Welche ein Gedränge! Ich bin lieber im Hafen unterwegs, wenn ich ihn für mich alleine habe. Vor allem in der Nacht, wenn die Lichter der Kräne auf dem Fluss schimmern.

In dieser Woche las ich in meiner Mopo die schöne Nachricht, dass die „Peking“, der Hamburger Veermaster, endlich aus New York zurück nach Hause kommt. Ansonsten gibt es nicht viel, was aus dem Hafen an guten Dingen zu vermelden ist. Die Honorationen werden wieder blumige Worte finden über die Bedeutung für die Wirtschaft und es gibt das ewige Gesülze vom „Tor der Welt“. Doch wie es um die Situation der deutschen Seeleute bestellt ist, kümmert kaum jemanden.

Auf meiner Facebook-Seite melden sich viele Seeleute, die mittelmäßig verzweifelt sind. Sie finden keine Jobs. Eine Nachricht hat mich sehr beschäftigt, von einem jungen Mann namens Florian Hinz. Seine Laufbahn begann klassisch, als Moses bei einer Reederei in Cuxhaven. Seine erste große Reise ging Transatlantik in die USA, er studierte Nautik an Seefahrtsschule, fuhr als Offizier zur See – und dampfte voll hinein in die Arbeitslosigkeit. Ein halbes Jahr suchte er, hochqualifiziert, topmotiviert, eine Anstellung bei einer Reederei, doch er fand kein Schiff.

Rotenburg/Wümme statt Rio

Heute steuert der werdende Familienvater statt eines großen Frachters einen „Metronom“, einen Regionalzug durch das Umland von Hamburg. Nicht falsch verstehen, liebe Lokführer, Ihr habt einen ehrenhaften Beruf: Doch die Haltestelle Rotenburg/Wümme hat man nicht im Sinn, wenn man das Patent zur Großen Fahrt gemacht hat.

„Ich fühlt mich allein gelassen von Politik und Reedern“, schreibt er mir in seiner Nachricht. Die Aussichten für deutsche Seeleute, die den meisten Reedern zu teuer sind, weil sie keine Tarifgehälter bezahlen wollen, sind miserabel. Gerade hat der Bundesverkehrsminister eine Änderung der Schiffsbesetzungsverordnung beschlossen hat: Auf einem Schiff unter deutscher Flagge müssen noch zwei statt vier deutsche (bzw. europäische) Seeleute fahren. Keine Ohrfeige, sondern ein Leberhaken für deutsche Seeleute.

Liebe Besucher des Hafengeburtstags: Wenn ihr den Windjammern hinterher schaut, wenn ihr Freddy Quinn in der Haifisch Bar hört und Fernweh verspürt, denkt an die Situation der deutschen Seeleute. Dann ist es mit der Sentimentalität ganz schnell wieder vorbei. Wir müssen aufpassen, dass von der Hafenwirtschaft in einigen Jahren nicht nur eine Touristenattraktion übrig bleibt.

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Hamburg Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und lebt heute in Hamburg. Gerade erschien seine vielgelobte Biographie Sturmwarnung.

 

 

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