KAPITÄN SCHWANDT: der Pegida-Schlager

Ich bin 79 Jahre alt, und Menschen meines Alters werden oft verdächtigt, Schlager zu hören. Ich hasse Schlager. Mein Lieblingssänger heißt Johnny Cash. Ein Lied aber gibt es, das ich mit größtem Vergnügen höre: den Pegida-Schlager vom Team des Satire-Magazins extra3 (NDR). Sie haben aus dem dumpfen, erbärmlichen Gegröle von den „Pegida-Aufmärschen“ in Dresden, aus haarsträubenden, rassistischen Quatsch und anderem wirrem Zeug („Der Koran ist gleichzusetzen mit dem Hitlers Mein Kampf“) ein bitterböses Liedchen komponiert.

Humor ist, wenn man trotzdem…

Wenn ich mir die Bilder zum Pegida-Schlager ansehe, denke ich: schlimm. So viele ungebildete Menschen. Und welch eine Schande, die Kulisse der so schönen Stadt Dresden zu missbrauchen! Die Semper-Oper, ein Ort der Kultur, ein international hochangesehenes Haus, als Bühne für solch hinterwälderischen Mist. Ich frage mich, warum die Dresdner Stadtverwaltung den aufrechten Patrioten nicht das Licht ausknipst? Hat in anderen Städten, beispielsweise Köln (beim einzigen Versuch, einen Pegida-Marsch zu starten), doch auch funktioniert.

Anstand, Zivilcourage – es mangelt an Allem

Den Humor muss man sich in diesen Tagen wirklich bewahren. Auch auf meiner Facebook-Seite gab es leider wieder massive Pöbel-Angriffe, aber das beeindruckt mich nicht. Dem Berliner CDU-Bundestagsabgeordnete Frank Steffel, der in einem Restaurant in Reiickendorf Zeuge einer rassistischen Attacke gegen einen Kellner wurde, widerfahren gerade ganz andere Dinge. Steffel hatte dem Opfer, einem Kellner, beim Angriff eines „aggressiven, glatzköpfigen, muskelbepackten“ Nazi-Angreifers geholfen, woraufhin seine Frau vor den Kindern als „Nutte“ beschimpft und ein Stuhl nach ihm geworfen wurde. Im „Tagesspiegel“ erzählt Steffel von seinen Erlebnissen – und wird seither auf seiner Facebook-Seite, man halte sich fest: beschimpft.

In seinem Post hatte sich Stäfel zurecht darüber empört, dass außer einer Französin niemand im Restaurant aufstand, um sich dem aggressiven Angreifer in den Weg zu stellen. „Keiner von ihnen greift ein. Die schauen einfach weg“, berichtet Steffel. Auch hinterher zeigte kein Gast Mitgefühl mit dem angegriffenen Kellner.

Es mangelt offenbar nicht nur an grundlegenden Manieren – sondern auch an Zivilcourage.

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und lebt heute in Hamburg. Gerade erschien seine Biographie „Sturmwarnung“. Das Buch kann hier bestellt werden.

 

 

 

 

1 comment

Es gibt noch weitere brauchbare Schlager mit Humor: https://youtu.be/_nMH6W69qCI
Dirk van Giezen on Apr 05 2016

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