KAPITÄN SCHWANDT: Die Mauer in den Köpfen

Der Fall der Mauer jährt sich nun zum 26. Male, doch mir kommt es so vor, als seien wir wieder ein gespaltenes Land. Es hat sich ein neuer, ein tiefer Riss aufgetan. Dies hat mit der Flüchtlingskrise zu tun und mit der Frage, wie wir mit Schutzbedürftigen umgehen. Oder, um in symbolischen Bildern zu sprechen: die Teddybären am Bahnhof München (Westen) gegen Hooligans in Wismar (Osten).

Freital_Schwandt

In der Ostseestadt attackieren dreißig vermummte Schläger zwei Flüchtlinge, in Magdeburg geschieht ähnliches, in Dippoldiswalde und vielen anderen Städten gehen Flüchtlingsunterkünfte in Flammen auf. Mehr als 600 solcher Anschläge zählt das Bundeskriminalamt bereits, ein Großteil davon in den Neuen Bundesländern. Jeden Montag verunstalten die traurigen Trottel der Pegida die Kulisse Dresdens. Die pogromähnliche Stimmung im sächsischen Freital – wo nun sogar eine rechte „Bürgerwehr“ verhaftet wurde – beschäftigten die Republik tagelang. „Pack“-Station Sachsen.

Wilde Panikmache

Diese Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen – und zu häufig sind des Orte in den Neuen Bundesländern, die ein Synonym für Gewalt gegen Ausländer geworden sind. Ja, auch im Westen kommt es zu Übergriffen und zu Anschlägen, aber sie sind nicht so alltäglich wie im Osten, wo sich die Polizei von Vorpommern genötigt sah, wegen wilder Gerüchte eine Mitteilung über die sozialen Medien herauszugeben: Es gibt keine Zunahme von Diebstählen, keine Überfälle und keine Vergewaltigungen. Traurig, dass es soweit schon gekommen ist. Der Ausländeranteil in der Region liegt unter drei (!) Prozent. Ich stelle mir die Frage: In welche Richtung sollte der „antifaschistische Schutzwall“ der DDR eigentlich wirken?

Auch auf meiner Facebook-Seite sind die (zum Glück) wenigen rechten Pöbler zumeist im Osten daheim, und mir schreiben Menschen verzweifelte Emails und Nachrichten, in denen sie schildern, wie sie sich im Alltag gegen den rechten Mob stellen. Diese Menschen haben besonderen Mut – und ihnen gehört Dank. Die Hetzer aber haben scheinbar vergessen, wie herzlich sie nach dem Fall der Mauer im Westen aufgenommen wurden. Und wie groß die Anstrengung war, den komplett maroden Teil Deutschlands wieder aufzubauen. Ich habe Steuern und Solidaritätsabgaben gerne bezahlt. Doch nun muss etwas passieren, im ersten Schritt ein Eingeständnis: Rechtsextremismus ist ein großes Problem des Ostens. Gestehen wir das ein – und bekämpfen wir ihn. Als Rechtsstaat, aber auch als Gesellschaft. Es wird Zeit für die tolerante Mehrheit, nicht länger zu schweigen.

 

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und lebt heute in Hamburg. Gerade erschien seine Biographie Sturmwarnung.

7 comments

Auch als Wessi hat man im Osten so etwas wie einen Migrationshintergrund. ;) Ich lebe seit 1999 in Gera, werde fast täglich mit meist negativen Bemerkungen über den Westen konfrontiert. Zwar weniger persönlich, weil man mir die Herkunft ja nicht ansieht, wohl auch nicht an Verhalten oder Sprache. Aber sobald ich mich als Wessi oute, höre ich auch im Jahre 2016 noch "Oh, das merkt man ja gar nicht.". Tja, wenn ich eine andere Hautfarbe hätte, "wüsste" man eher, was ich für einer bin. ;)
Jan Peter on Mai 19 2016
kleiner Nachsatz: ... Kinder tragen die Enttäuschung und die Ängste der Eltern in ihrem eigenen Leben weiter, was jedoch jeder aus diesen Gefühlen macht, das hängt von so vielen psychischen Faktoren, wie von der eigenen Lebensgestaltung, von den eigenen Erfolgen wie Misserfolgen ab und inwieweit man sich dafür selbst verantwortlich fühlt oder die Verantwortung lieber in die Ecke schiebt und dafür dumme Parolen als Ablenkungsmanöver grölt.
Mars Cygale on Feb 21 2016
Schlimm, was gerade in meiner ehemaligen Heimat (wohne seit über zehn Jahren nicht mehr in Deutschland) passiert. In Deutschland schreien Dumme leider lauter als die "tolerante Mehrheit" und das nicht nur in den östlichen Teilen! Ich erinnere mich nur an die Worte meiner Großmutter, ursprünglich aus Breslau: Damals war sie 17 Jahre alt, unterwegs mit ihrer Mutter und vier weiteren teils jüngeren Geschwistern. Auf der Suche nach einer neuen Heimat kamen sie zuerst in Bayern an und dort wurde der "Flüchtlingszug" (hauptsächlich Frauen mit Kindern im Arm!) auf der Straße mit Steinen beworfen, man wollte sie, die Flüchtenden/Vertriebenen NICHT haben. Hass, Geiz, Habgier und Angst lassen Menschen unmenschlich werden, heute, wie damals, im Osten, im Westen, im Norden wie im Süden. Mein Vater war und ist Antifaschist und Kommunist, zum Glück kein Wendehals, wie viele andere. Mitgefühl, Gleichheit, Menschlichkeit, Liebe und Teilen, mit denen die weniger haben, sind die Grundwerte meiner Erziehung. Leider muss ich auch sagen, dass deine Worte über die "Herzlichkeit des Westens" mich aufstoßen lassen. Der Osten Deutschlands wurde billig aufgekauft, wie Turnschuhe im Angebot bei Aldi, tut mir leid, aber die Solidarität hatte einen hohen Preis lieber Herr Kapitän, da wurde nichts uneigennützig verschenkt und aufgepöpelt. Ich denke hier liegt auch der Ursprung allen Übels, die Menschen und all das, was sie jahrzehntelang geschaffen hatten (ja es wurden auch Dinge erschaffen, geschaffen, aufgebaut, entwickelt ...) waren NICHTS mehr wert und diese Wertlosigkeit, das Überstülpen eines Gesellschaftssytems auf ein anderes, ohne jegliche Beachtung der Gegebenheiten, das kann nicht gutgehen!!!! Die Menschen haben sich übergangen gefühlt, sie wollen nicht, dass das wieder passiert, der Verlust damals der Werte, der geltenden Normen, und die Ankunft und das Überrollen durch den kapitalistischen Schnellzug, ja das hat Folgen hinterlassen. Rechtspopulistisches Gedankengut nährt sich aus Ängsten und aus Enttäuschung !!!! Deshalb hat auch der westliche Teil Deutschlands eine Mitschuld an dieser Entwicklung zu tragen und darf sich nicht als GUTER TOLERANTER TEIL darstellen und mit dem Finger "Schimpfe Schimpfe" machen, von wegen: wir waren soooo gut zu ihnen(den Ossis) und jetzt DAS! Das wäre doch zu einfach, nicht wahr?
Mars Cygale on Feb 21 2016
Neu ist das Problem nun nicht. Es wiederholt sich bloß ständig aufgrund elterlicher Erziehung, siehe auch https://www.facebook.com/KriminelleOssisAbschieben/videos/542684882554428/
Eike on Feb 21 2016
Ich schau von der anderen Seite aus in Richtung Deutschland, weil ich schon seit ´98 in Norwegen lebe. Es ist zwar nicht wirklich beruhigend, aber hier gibt es tatsächlich die gleichen schrecklichen Kommentare in den sozialen Medien, und vor kurzem marschierte hier "Odins Armee" mit über zehn Männern in schwarzen Hoodies durch das nächtliche Tønsberg, um die blonde Frau vor angeblich drohenden Vergewaltigungen zu schützen. Welche Vorraussetungen genau dafür verantwortlich sind, dass manche Menschen den Bauernfängern leichter auf den Leim gehen oder sich vor Dingen grausen, die nur in ihrer begrenzten Vorstellung existieren, weiß ich leider nicht. Hier in Norwegen denke ich oft, ob es mit der relativen Ländlichkeit zu tun haben kann - oder damit, dass das Land er seit etwas über 100 Jahren wirklich selbstständig ist, und die Leute einfach keine Lust haben, irgendwas von ihrem immensen Reichtum zu teilen. Ich freue mich jedenfalls über jede Stimme im Netz, die sich diesem Wahnsinn entgegenstellt.
Christine Ulrich on Feb 20 2016
Ich fürchte , es wird schlimmer werden. Deutschland spaltet sich in die Anständigen und das gröhlende Pack. Wenn wir zu anständig bleiben wollen , haben wir bereits verloren. Wir müssen sie bekämpfen , wo wir sie finden, und aus unserer Gemeinschaft ausstoßen. Sie haben es nicht verdient , mit Samthandschuhen angefasst zu werden.
Herbert Strasser on Feb 19 2016
Danke, auf den Punkt gebracht. Wie immer :)
Dirk Behringer on Feb 19 2016

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