KAPITÄN SCHWANDT: Die mutigen Retter von Sea-Eye

Für einen Seemann gehört das Massensterben auf dem Mittelmeer zu den schlimmsten Ereignissen einer furchtbaren Zeit. Wir Seeleute wissen, wie es draußen ist, bei schlechtem Wetter, in der Weite und der Einsamkeit, und ich mag mir kaum ausmalen, was die Menschen in den Schlauchbooten durchmachen. Ich unterstütze deshalb „Sea-Eye“, eine Organisation von Freiwilligen, die mit einem alten Kutter aus DDR-Beständen über das Mittelmeer fährt, mit einem Ziel: So viele Menschen wie möglich zu retten, in dem sie Hilfe herbei holt.

3950 sind es schon, seit April.

In dieser Woche habe ich einige Hamburger Retter in der Haifisch Bar getroffen: Eine junge Controllerin, einen Strafverteidiger, einen Rentner, einen Mann, der im Brandschutz arbeitet, einen Jugendbetreuer. Sie alle gaben ihren Urlaub, um zu helfen, und sie riskierten viel. Der Kutter, die „Sea-Eye“, ist nicht der Jüngste und legt sich bei Sturm bis zu 50 Grad auf die Seite.

Zwei Wochen dauert jede „Mission“, und sie teilen die Enge und Hitze an Bord des Kutters mit Crewmitgliedern, die sie noch nie vorher sahen. Was während der Einsätze geschieht, ist unberechenbar – niemand weiß, wie die Flüchtlinge in Panik reagieren. Oder ob auf einem der Schlauchboote, denen sich die Retter nähern, nicht doch Terroristen des IS unterwegs sind.

„Wir sind Dilettanten mit schlechtem Gerät und wenig Ausbildung“, sagte Gunter Körtel zu mir, heute Betreuer von jugendlichen Flüchtlingen, früher Kapitän auf Tankern, ein echter Seemann also. Für mich sind es Menschen, die mir den Glauben an das Gute in der Menschheit zurückgeben: Ihr Mut und ihr Engagement, wo andere Instituionen und die Europäische Union oft versagen. „Man kann die Leute doch nicht einfach ihrem Schicksal überlassen“, meinte Nicole Hoppe, eine junge Frau, Ende 20, aus Sankt Pauli.

700 Menschen gerettet. An einem Tag

Was ist das für ein Gefühl, wenn morgens im Halbdunkeln ein Schlauchboot in Sicht kommt? „Beklemmend“, sagte sie, alle nickten. Aber danach heißt es: Emotionen kontrollieren, arbeiten, ja: funktionieren. Schwimmwesten verteilen, die Menschen beruhigen, bis die herbeigerufenen Schiffe der Marine eintreffen. An einem Tag, an dem die See besonders ruhig war („Flüchtlingswetter“) retteten die Freiwilligen von Sea-Eye mehr als 700 Menschen aus Seenot.

„Die Boote, die wir aufgreifen, werden von Mission zu Mission kleiner“, berichten die Hamburger. Die Schlepper schicken die Flüchtlinge inzwischen bei jedem Wetter hinaus, es sind Himmelfahrtskommandos. Niemand weiß, wie viele Menschen ertrunken sind, Schätzungen gehen von mehr als zehntausend Opfern aus. Es gibt Geschichten, dass auch der IS am Geschäft der Schlepper mitverdient, dass die Schlauchboote aus China kommen, die Motoren in einer eigenen, kleinen Fabrik vorbereitet werden, dass manche Frauen, bevor sie an Bord gehen, vergewaltigt und mehrere Monate gefangengehalten werden, weil für Schwangere ein Platz an Bord noch teurer ist. Lybien, von dessen Küste sie ablegen, ist ein Staat in Auflösung.

Einmal, erzählen sie, hatten sie eine Bootsbesatzung mit Rettungswesten versorgt, als ein Fischerboot auftauchte. Es waren keine Fischer, sondern getarnte Schlepper, die in Seelenruhe die Außenborder des Schlauchboots abmontierten, bevor sie verschwanden. Ein anderes Mal erlebten die Retter, dass ein Boot vor ihnen wegfuhr, zu entkommen versuchte, das nur halb besetzt war. Die Leute an Bord wirkten extrem verstört. Was war geschehen? Hatte es an Bord einen Kampf gegeben?

Keine Verehrung. Aber Dank und Respekt.

„Heldenverehrung für uns ist überzogen“, meinte einer der Männer in der Haifisch Bar. Verehrung vielleicht schon, aber Dank und Respekt sind es nicht. Am Morgen nach unserem Treffen hörte ich im Radio, dass ein Boot der „Ärzte ohne Grenzen“ angegriffen und beschossen wurde.

Ich bin sicher: Die Hamburger Retter wird auch diese Nachricht nicht davon abhalten, zur nächsten Mission aufzubrechen.

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und lebt heute in Hamburg. Kapitän Schwandt unterstützt die Retter von Sea-Eye. Mehr Information: http://sea-eye.org

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