KAPITÄN SCHWANDT: Dies ist meine letzte Kolumne

Dies ist meine letzte Kolumne, liebe Leserinnen und Leser, Folge 126 für die MOPO. Ich bin krank und ich fühle mich müde, ich habe nicht mehr die Kraft, mich um die Themen zu kümmern, mit denen ich meine Leser zum Grinsen, zum Nachdenken oder ein paar Reeder und rechtsdrehende Trottel zum Ärgern bringen kann. Ein alter Kapitän weiß, wann es für ihn an der Zeit ist, von der Brücke zu gehen.

Ich habe keine Angst vor dem Tod. Achtzig Jahre waren meine Ziellinie, die habe ich erreicht. Es grenzt an ein Wunder, dass es mir mit meinem Lebenswandel überhaupt gelang. Seit 63 Jahren habe ich knapp eine Million Zigaretten geraucht und in meinen frühen Jahren mehr gesoffen als andere in mehreren Leben.

Ich bin dankbar, dass ich so alt werden durfte.

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Es war besonders in meinen ersten Berufsjahren ein wildes und abenteuerliches Leben. Ich habe es von meiner Zeit als Schiffsjunge bis zu meiner Pensionierung als Kapitän verschiedener Zollkreuzer auf dem Wasser verbracht. Die See war immer mein Lebenselixier. Bis vor kurzem war ich immer auf Schiffen unterwegs, zuletzt nach Finnland und Großbritannien, wohin mich auf die ersten Reisen führte, 1952. Die beste Entscheidung, die ich je traf, war es, Seemann zu werden, gegen den Willen meiner Eltern. Ich kann nur jeden ermutigen, dem eigenen Gefühl zu vertrauen.

Krankenhaus statt Brücke

Die nächste Zeit werde ich nicht auf einer Brücke, sondern im Wartezimmer von Ärzten und bald im Krankenhaus verbringen. Auch dies gehört dazu, ich will mich nicht beschweren. Ich habe Vorsorge getroffen, um meine Frau organisatorisch zu entlasten. Meine Beerdigung ist geplant, der Grabplatz, der Ablauf der Trauerfeier, die Musik, die gespielt werden soll. Es war anfangs ein komisches Gefühl, diesen Aktenordner anzulegen, doch nun ist alles geklärt. Ich hatte ein interessantes, spannendes Leben und werde klaglos und in Würde abtreten, wenn es soweit ist.

Ich werde in Würde abtreten

Es hat mir Spaß gemacht, diese Kolumne zu schreiben und es war mir wichtig, klare Position zu beziehen. Ich hatte mir geschworen, als Leidtragender des Dritten Reichs aufzustehen gegen die neuen Rechten, gegen die AfD und NPD. Mir gefiel es, dass ich meine Popularität für Schwache und Außenseiter einsetzen konnte, bei einer Lesung im Gefängnis „Santa Fu“ zum Beispiel (inspiriert von Johnny Cash, den ich verehre), oder in meinem Engagement für Obdachlose. Ich fand es gut, auf Menschen aufmerksam zu machen, die anderen helfen, wie den mutigen Rettern der Hilfsorganisation „Sea Eye“, die im Mittelmeer Flüchtlinge vor dem Ertrinken bewahrt. Jetzt muß ich meine Kräfte sammeln für den letzten Abschnitt meines Lebens.

Ich gehe von Bord und bedanke mich für Eure Aufmerksamkeit, Euren Zuspruch und auch manche Kritik in den letzten Jahren. Macht es gut.

Tschüss.

 

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und lebt heute in Hamburg. Seine Biographie „Sturmwarnung“ ist seit Monaten ein SPIEGEL-Bestseller. In wenigen Tagen erscheint das Hörbuch seiner Lebensgeschichte, von ihm selbst gesprochen.

 

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