KAPITÄN SCHWANDT: Mein Freund, der Sturm.

In der vergangenen Woche zog ein schwerer Sturm über den Norden, von den Wetter-Experten „Gonzales“ genannt. Zu meiner Zeit auf See hatten Orkane keinen Namen. Die hießen früher einfach nur Sturm. Manchmal waren wir froh, wenn Wind aufkam und die Schaukelei losging. Warum? Ich fuhr als junger Offizier auf einem Frachtschiff, das auch Passagiere mitnahm. Zwölf Reisende, in der Regel Auswanderer, untergebracht in Kabinen mit dem Charme von Gefängniszellen. Spätestens nach drei Tagen machte sich Langeweile breit. Die Passagiere standen uns auf dem kleinen Schiff bei der Arbeit im Wege und löcherten uns mit Fragen.

Wir konnten es kaum erwarten, dass wir „Lands End“, also die Spitze Englands erreichten. Die Dünung des Atlantiks sorgte für Ruhe an Bord. Wer noch nicht seekrank war und um Hilfe bat, dem gaben wir einen gemeinen Rat: Wir empfahlen, beim Koch nach einem fetten Speckwürfel zu fragen und einen Zwirnsfaden daran zu befestigen, um das Stück Schwarte nach dem Schlucken wieder – ganz langsam – hochziehen zu können. Allein diese Vorstellung erledigte auch die letzten Störenfriede.

Scherben im Hintern

Ich erinnere mich auch an eine hübsche, junge Dame aus gutem Haus, die uns wirklich hochnäsig behandelte. Sie wollte ihren Verlobten in Quebec besuchen und teilte sich die Kammer mit einer älteren Frau. Auf dem Atlantik gerieten wir in einen Sturm. Der Steward eilte in ihre Kabine, um Koffer zu sichern und den Kleinkram seefest zu verstauen. Eine Bodenvase klemmte er zwischen WC und Schott ein. Wenig später dann ein Schrei: In einer großen Welle holte das Schiff hart über – und die Dame setzte sich neben die Toilette. Die Vase steckte in Form vieler kleiner Einzelteile in ihrem feinen Hinterteil.

Als Zweiter Offizier diente ich als Medizinmann an Bord. Mit einer Splitterpinzette, Jod und Verbandszeug klopfte ich an die Kabinentür. Die alte Frau, nun der „Anstandswauwau“, öffnete. Meine Patientin lag auf dem Bauch in ihrer Koje, nur das OP-Feld war freigelegt. Ich erkannte sofort: ein schöner Hintern. Und harmlose Fleischwunden, nicht sehr tief. Ich zog die Splitter mit der Pinzette und war nicht sparsam mit Jod, das damals noch ordentlich brannte. Wenige Tage später hatte sich der Sturm verzogen – und die Hochnäsigkeit auch. Wenn mich die Dame an Deck sah, verschwand sie mit einem Gesicht in der Farbe einer Signalboje.

 

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und wechselte dann zum Wasserzoll. Schwandt lebt in Hamburg. 

 STURMWARNUNG heißt die Biographie von Kapitän Schwandt, die seit einem halben Jahr in der Bestsellerliste des SPIEGEL steht. Das Buch kann HIER bestellt werden.

 

0 comments

Leave A Comment