KAPITÄN SCHWANDT: Ein Herz für Gestrandete

Ein echter Seemann empfindet Mitgefühl mit einem Gestrandeten. In den Häfen warmer Länder bin ich häufig sogenannten „Beachcombern“ begegnet, also Männern, die hängengeblieben waren und sich irgendwie durchschlugen. Der Begriff „Aussteiger“ wurde erst später erfunden. Oft waren sie wegen eines Mädchens vor Anker gegangen oder waren nach einer wilden Nacht „achtern rausgesegelt“ (wie es in der Sprache der Matrosen heißt, wenn man sein Schiff verpasst.) Kamen diese „Beachcomber“ bei mir an Bord, wurden sie in der Mannschaftsmesse verpflegt, bekamen ein frisches T-Shirt und eine alte Jeans und hinterher ein Fresspaket mit auf die Gangway.

Nun las ich vergangene Woche in der Mopo, dass es in Hamburg, unserer reichen Hansestadt, geschätzt dreitausend Obdachlose gibt. Sie lesen richtig: dreitausend! Immer wieder beobachte ich, wie die Passanten achtlos an den Gestrandeten vorbei gehen, sie ignorieren oder mit abschätzigen Blicken ansehen. Als ob es nicht viele von uns auch treffen könnte: Arbeitslosigkeit, Scheidung, Alkoholismus. Mir ist egal, warum jemand tief unten gelandet ist, ich sehe nur den Menschen in Not. Mir streckt kein Obdachloser vergeblich eine Blechdose entgegen und ich kaufe immer die neue Straßenzeitung, manchmal auch mehrfach, weil ich die Idee von „Hinz und Kunzt“ mag und sie lesenswert finde. Liebe Hamburger, geht nicht achtlos an Menschen vorbei, die nach einem Sturz versuchen, wieder auf die Beine zu kommen! Wir sind die Stadt der Seeleute.

Favela Blankenese

Weit mehr als tausend Wohnungen wurden im vergangenen Jahr zwangsgeräumt, wegen steigender Mieten oder schwieriger Arbeitsverhältnisse. Sozialer Wohnungsbau wird von den Behörden gerne „vergessen“. Ich möchte daher einen Vorschlag nach brasilianischem Vorbild machen: die „Favela Falkenstein“. An den Hängen des Elbufers von Schulau bis Blankenese, in diesen feinen Parkanlagen, ist doch reichlich Platz. Das Baumaterial findet man überall auf Baustellen, auf denen immer Schalholz, Balkenreste, Wellblech, Moniereisen oder halbe Mauersteine übrig bleiben.  Fragt die Poliere! Besonders die Elbphilharmonie verspricht reiche Beute. Für die erste Favela, die so entsteht, stifte ich einen Gutschein für den Baumarkt. Versprochen.

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und wechselte dann zum Wasserzoll. Schwandt lebt in Hamburg. Seine hochgelobte Biographie „Sturmwarnung“ kann HIER bestellt werden.

 

0 comments