KAPITÄN SCHWANDT: Fluchthelfer

Wir leben in grausamen Zeiten. Mir kommt es so vor, als ob wir in der Flut der täglichen Horrormeldungen abstumpfen. Die Bedeutung von Nachrichten erreicht uns nur noch dann, wenn wir mit Einzelschicksalen konfrontiert werden. Wie das Bild des kleinen, ertrunkenen Jungen Aylan, das die Regierungen von Großbritannien und Kanada ihre Flüchtlingspolitik ändern ließ. Welche persönlichen Dramen sich hinter Zeitungsmeldungen verbergen? Das bekommen wir nur selten mit.

Mir fiel eine Geschichte aus meiner Matrosenzeit wieder ein, die im Hafen von Algier spielt. Eine winzige Episoden in einem großen Krieg, die aber das Leben vieler in eine andere Bahn hätte lenken können. Keinem an Bord war wohl zumute, als wir in Algerien festmachten. Es war 1959, der Unabhängigkeitskrieg tobte. Wir hörten das Knattern von Maschinengewehren, gelegentlich auch Explosionen. Der Alte ließ doppelte Wachen postieren, doch sicher fühlten wir uns nie. In der Dunkelheit einer Nacht stürmte ein Mann mittleren Alters an die Gangway und bat, nein: bettelte darum, den Alten sprechen zu dürfen. Auf der Brücke erzählte er seine Geschichte: Er war Fremdenlegionär, der in Indochina gekämpft hatte und seit zwei Jahren in Algerien im Einsatz war. Was die französischen Einheiten der Zivilbevölkerung antaten, konnte er nicht mehr ertragen. „Ich bin kein Folterer“, sagte er. Er war desertiert und suchte nun verzweifelt nach einem Weg aus Algerien heraus – man war ihm gewiss schon auf den Fersen. Über Land war eine Flucht ausgeschlossen. Blieb nur der Seeweg. Blieb nur unser Schiff.

„Kapitän, nehmen Sie mich mit?“, flehte der Mann.

Versteck in Luke 3

Es gibt Entscheidungen, in denen ein Kapitän sehr einsam ist. Lehnte er die Bitte ab, bedeutete es den Tod des Mannes. Nahm er ihn mit, brachte er die Besatzung, das Schiff und sich selbst in große Gefahr. Der Kapitän starrte hinaus in die Schwärze der Nacht. Einige Minuten verstrichen, dann sagte er: „Also gut.“ Er wies die Matrosen an, in Luke drei ein Versteck aus Kisten zu bauen und Ladung darüber zu stapeln. Wir bauten den Legionär, ausgerüstet mit einem Vorrat an Nahrung und Wasser, gewissermaßen ein.

Polizisten und Zoll kamen an Bord und durchsuchten das Schiff. Die Beamten waren misstrauisch und hatten üble Laune. Sie stiegen in Luke drei, alle an Bord hielte den Atem an. Unsere „Geheimoperation“ ging gut. Als wir internationale Gewässer erreichten, befreiten wir ihn aus dem Versteck. Für den Legionär gab es Verwendung: Der Koch war ausgefallen, weil bei ihm Syphilis diagnostiziert worden war. In Hamburg stieg der Mann aus. Ich habe ihn nie wieder gesehen.

 

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See. Schwandt lebt in Hamburg.

 

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