KAPITÄN SCHWANDT: Generation Wischfinger

Anfang der Woche hatte ich in der Hamburger Innenstadt zu tun. Ich lasse dann das Auto stehen und nehme die S-Bahn. Als ich in der S21 am Dammtor vorbeikam, wo viele Studenten einsteigen, dachte ich: „Was zum Teufel ist hier los?“ Jeder, aber wirklich jeder im Waggon starrte auf ein Smartphone, Tablet oder einen Laptop. Jeder Zweite hatte Stöpsel in den Ohren. Kein zwischenmenschlicher Kontakt, kein Blick, keine Frage nach einer Zeitung, gar nix.

Vermutlich würden sie dem Mitreisenden lieber eine SMS schicken, als ihn anzusprechen. Auf der Straße sah ich eine junge Mutter, die ihren Kinderwagen schob. Ihr Kind sah sie an. Sie starrte in ihr Mobiltelefon. Vor kurzem las ich, dass am Grand Canyon Schilder aufgestellt wurden – mit der Aufforderung, doch die spektakuläre Natur zu genießen. Nicht die Aussicht durch das Display der Handys. Es ist Verrückt.

Ich nenne sie “Generation Wischfinger”

Mich beschäftigt das Verhalten der „Generation Wischfinger“, wie ich sie nenne. Wo führt es hin, wenn Kommunikation nur noch elektronisch abläuft? Ich warte ja auf die ersten, die beim Kinderzeugen ein „Selfie“ schießen, für die Pinwand von Facebook: „Schau mal, Karl-Heinz, so haben wir dich gemacht.“

Viele junge Leute, so scheint mir, bewegen sich in einer Scheinwelt, in der sie sich ein „Schein-Ich“ zu legen, um andere zu beeindrucken. Schon Zehnjährige verbringen jede freie Minute mit diesem virtuellen Mist. Komisch auch: Erst regen sich alle darüber auf, wenn die NSA und andere Geheimdienste Daten sammeln – doch dann stellen sie jeden noch so privaten Kram ins Netz.

Ich jedenfalls weigere mich, diesen Irrsinn mitzumachen. Das Mobiltelefon nutze ich zum mobilen Telefonieren. Will ich fotografieren, nehme ich die Kamera. Als ich meiner Frau Gerlinde den Entwurf zu dieser Kolumne zeigte, meinte sie: „Schön. Kann die Generation Wischfinger nicht ein vollautomatisches Gerät zum Staubwischen erfinden?“ Also: Strengt euch mal an!

 

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und lebt heute in Hamburg. Gerade erschien seine Biographie „Sturmwarnung“.

 

1 comment

Ich finde diesen Artikel sehr interessant. Persönlich habe ich in meiner Schulzeit und später während der Busfahrten zur Ausbildungsstätte selten bis nie mit Fremden Kontakt gesucht / aufgenommen. Wenn Freunde dabei waren, dann habe ich mich mit denen unterhalten! War ich alleine, gab es in der Anfangszeit einen "Discman" und später den MP3-Player. Oder auf längeren Fahrten ein gutes Buch - so halte ich das auch heute noch. Was mich persönlich stört und was ich viel zu oft gesehen habe: Eltern, die sich mehr mit ihrem Handy beschäftigen, als mit ihren Kindern. Das geht los wie bei dem von Ihnen beschriebenen Eltern, die den Kinderwagen schieben bishin zu Eltern, die auf dem Spielplatz hocken - und lieber ins Handy starren, statt sich zu unterhalten oder mit den Kindern zu spielen. Ich glaube, die Generation "Wischfinger" ist nicht mehr wegzudenken - und das ist in manchen Punkten auch gut so. Es ist wichtig, sich mit den aktuellen Medien und Techniken auszukennen. Was falsch ist, ist der intensive unkontrollierte Konsum dessen. Gerade bei den jüngeren Menschen sind dort die Eltern gefragt. Leider kenne ich Kinder, die nichts damit anfangen können, draußen zu sein. Und das, obwohl die Natur so vieles zu bieten hat....
Michael on Jun 09 2016

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