KAPITÄN SCHWANDT: Gruppenreise

 

Auch ein alter Seemann braucht mal Urlaub, in diesem Fall eine Flusskreuzfahrt von Porto bis Salamanca. Als Kapitän bin ich es gewohnt, alleine unterwegs zu sein, und war etwas skeptisch, weil es sich um eine Gruppenreise handelte. Um es vorweg zu nehmen: Wenn ich gewusst hätte, was mich erwartete, hätte ich lieber ein Trockenfilz-Seminar der Emanzengruppe Altona gebucht.

Ich rauche stark. Aus Rücksicht auf Mitreisende kaufte ich also eine E-Zigarette und bezog eine Kabine ganz achtern, damit der Fahrtwind den Dampf nach hinten trieb. In meiner romantischen Vorstellung sah ich mich mit meiner E-Zigarette auf dem Balkon sitzen, ganz gemütlich die Landschaft beobachten, abends dann an Land mit den Einheimischen einen Plausch halten und ein Glas trinken. Es kam anders.

 

„Absolutes Rauchverbot“, fauchte mich die Reiseleiterin an. Aber, Moment, die E-Zigarette? „Verboten!“ In weiser Voraussicht hatte ich ein paar Stangen echte Kippen und einen Klapp-Aschenbecher im Gepäck. Die E-Zigarette versenkte ich im Douro.

Unser Schiff wurde von mehreren Bussen begleitet, in die wir alle zwei Stunden umstiegen, um Schlösser zu besichtigen. Und Kathedralen. Römische Trümmer. Die Reiseleiterin beschallte uns mit Jahreszahlen, in einer Lautstärke und Taktung, dass sich die Nordkoreaner nach dieser Foltermethode erkundigen werden.

Nach der ungefähr vierzehnten Kathedrale war es mir egal, ob Ulrich der Heizbare oder Isabelle die Gesiebte das Ding erbaut hatten. Schon sprang die Bustür zischend auf und alles hastete hinaus, um Fotos zu knipsen. Ich tröstete mich mit der Aussicht auf Schinken und Käse in einer Hacienda, begleitet von einer landestypischen Musiktruppe. Der Auftritt erinnerte mich frappierend an ein VHS-Seminar Ausdruckstanz. Dazu schlug ein dicker Kerl eine dicke Trommel, dass ich Angst vor einem Kabelbrand in meinen Hörgeräten bekam.

Ich überlegte eine Strategie: Wenn die Busladung ausstieg, ließ ich mich unauffällig ans Ende der Gruppe zurückfallen, schlug einen Haken, beschleunigte den Schritt, um mir im nächsten Café einen Espresso zu genehmigen. Mit dem Schiff fuhren wir nicht mehr viel, dafür mit dem Bus, was erträglich wurde, als ich meine Hörgeräte ausschaltete. Nur im Wallfahrtsort Fatima funktionierte meine Taktik nicht. Ich floh in bewährter Manier, doch fand nur Devotionalienläden, die mit Sonderangeboten warben: Die Jungfrau Maria, stark reduziert, Jesus zum halben Preis und den Heiligen Sebastian in Gips gratis dazu. Ich war endgültig raus.

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und lebt heute in Hamburg. 

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