KAPITÄN SCHWANDT: der Horror im Fernsehprogramm

Ich habe gestern Abend so heftig mit dem Kopf geschüttelt, dass mir ein Hörgerät rausgeflogen ist. Es lag am Fernseh-Programm. Ich sehe wenig in die Glotze, ich lese lieber ein Buch, doch gestern war mir mal wieder nach Berieselung. Im ersten Kanal lief ein Science-Fiction Film. Nach ein paar Minuten dachte ich: Komische Zombies in tristen Landschaften? Habe ich doch eben erst in den Nachrichten gesehen, als von rechtsextremen Übergriffen in Sachsen berichtet wurde.

Nächster Sender, ein Spielfilm: Ein alter Sack meines Jahrgangs wacht im Körper eines Jugendlichen auf und muss noch einmal alles von vorne durchleben. Gruselige Vorstellung! Schnell weiter gezappt. Ich landete in einer Quizz-Sendung, schaltete so vehement weiter, dass mein Daumengelenk knackte, und war schon in der nächsten. Alt gegen Jung. Stadt gegen Land, Dick gegen doof. Fernsehprogramm? Was für eine Vergeudung von Lebenszeit, anderen Menschen beim Austausch von Drittelwissen zuzusehen! Also weiter: Eine Talk-Show. Die Gesichter der Gäste (Politiker jeglicher Coleur und dazu dieser komische Typ vom „Stern“) kannte ich alle, und das Thema auch. Es ging um Flüchtlinge oder den Islam oder um beides, es war ein ewiges Gesülze, und ich überlegte, ob man diese Gespräche nicht aufnehmen sollte: Es gibt ja immer mehr Menschen mit Einschlafproblemen.

Schwandt Fernseher

Nächster Sender: Andree Rieu grinste mich debil an, die Geißel an der Geige. Das Hörgerät verabschiedete sich, als ich den Kopf schüttelte – ein Glück eigentlich! – dann fiel mir die Fernbedienung runter, und als ich endlich im nächsten Kanal war, musste ich Gewaltphantasien unterdrücken. Ein Model-Casting, schnell weg. Nächster Sender: vier Dumpfbacken beim Abendessen. Mann, weiter: ein Typ mit einer Angel in einem Fluss, auf der Suche nach „Monstern“. Meine Güte, was sehen sich Leute für einen Mist an!

Fernsehprogramm mit Knattersack

Ich landete schließlich in einem Krimi, zur Freude meiner Gattin Gerlinde. Sie schaut gerne Krimis, ein typisches Frauen-Genre. Problem: Es endete, wie es meistens endet, wenn wir zusammen Krimis anschauen. Mit Zoff. Achten Sie darauf: Mehr als eine Stunde werden wir Zuschauer auf irgendwelche Fährten gelockt, um dann, im letzten Teil, von einer unvorhersehbaren Wendung überrascht zu werden. Wenn den Drehbuchautoren gar nichts einfällt, fliegen Kommissar Knattersack die Lösungen im Traum zu. Logik ist für manche Krimi-Produzenten offenbar eine griechische Putzmittelmarke. Wenn ich aber Gerlinde auf diese Zeitverschwendung hinweise, wird sie immer sauer. Sie verschwand auch diesmal im Schlafzimmer, während sie wutentbrannt schimpfte, um dort weiterzugucken.

Immerhin war ich Kommissar Knattersack los.

 

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und lebt heute in Hamburg. In wenigen Wochen erscheint seine Biographie “Sturmwarnung” bei Ankerherz. 

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