KAPITÄN SCHWANDT: Jubiläum und die Brüder aus Damaskus

Diese Kolumne ist ein Jubiläum. Sie ist mein 100ter Beitrag für die MOPO. Ich habe Geschichten vom Meer erzählt, über Alltäglichkeiten wie Friseurbesuche oder schlechte Manieren in der S-Bahn geschrieben. Ich war in einem Sturm auf dem Nordatlantik unterwegs, habe mich über den Geiz der Reeder aufgeregt und Stellung gegen die AfD, Pegida und andere rechte Spinner bezogen. Mich freut die große Resonanz, die meine Kolumne bekommt. Überall in Hamburg sprechen mich Menschen auf der Straße an (ich musste sogar schon Autogramme geben) und meine Facebook-Seite zählt 150.000 Fans.

Ich freue mich darüber!

Ein Beitrag sorgte für ein besonderes Echo, im positiven, wie leider auch im negativen Sinne: Die Geschichte der vier Brüder aus Damaskus, die vor dem Terror des IS geflohen waren. Mehrere Monate dauerte ihre Reise: unter dem Heulen von Kampfjets schafften sie es über die Grenze in die Türkei, von wo aus sie in einem Schlauchboot, das Luft verlor, nach Griechenland fuhren. Die letzten hundert Meter halfen sie Frauen und Kindern, die um ihr Leben schwammen. In Mazedonien wurden sie von der Polizei verprügelt, in Serbien lebten sie eine Zeit lang versteckt im Wald.

Vergangene Woche traf ich sie wieder, um zu hören, wie es ihnen geht. Der Älteste, Munzer, konnte nicht dabei sein, weil er als Koch in einem guten Restaurant im Süden Hamburgs arbeitet und der Zweitälteste, Mean, war auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch für ein Praktikum. Alle vier beherrschen nach einem knappen Jahr ein gutes Deutsch und lernen jeden Tag mehrere Stunden lang. Mohanad, 21, pendelt täglich zur Universität in Lüneburg, wo er nach den Sprachtests ein Studium beginnen will und der Jüngste, Muhammad, 15, bereitet sich auf den Realschulabschluss vor.

 

 

Diese Brüder sind eine Bereicherung

Sie sind höflich, bescheiden, gebildet, arbeitsam. Sie sind eine Bereicherung für unser Land. Wir sollten öfters über Menschen wie die vier Brüder aus Damaskus sprechen. Wir sollten ihnen öfters zuhören. Die jungen Männer haben eine für drei Jahre befristete Aufenthaltsgenehmigung erhalten und ziehen nun in eine gemeinsame Wohnung. Ihre Sorge gilt den Eltern in Syrien, denn die Versorgung in Damaskus wird immer schwieriger; Munzer fürchtet um seine Frau und das gemeinsame Kind. Anträge, die Familie nachzuholen, haben sie gestellt, aber ob es soweit kommen wird, scheint derzeit unklar.

„Was sind Eure Pläne?“, habe ich gefragt.

„Eigenes Geld verdienen“, antwortete Mohanad. „Wir wollen für uns selber sorgen.“ Es klang stolz. Die AfD, sagten sie, mache ihnen Sorge. Angst aber nicht. Angst haben sie nach ihrem Lebensweg nur noch selten, und ich kann sie so gut verstehen.

 

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und lebt heute in Hamburg. Seine Biogaphie „Sturmwarnung“ kann HIER bestellt werden.

 

 

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