KAPITÄN SCHWANDT: Mini-Golf auf hoher See

Letzte Woche war ich unterwegs, wo es mir am besten gefällt: auf See. Nicht auf einem Frachter, sondern auf einem Kreuzfahrtschiff. „Heimathäfen“ hieß die Reise auf der MS Hamburg, es ging von Hamburg nach Borkum, Helgoland und Bremerhaven, eine Kreuzfahrt vor der eigenen Haustür mit Insulanern und dem Tatort-Kommissar Dietmar Bär an Bord. Platz für 450 Passagiere hat die MS Hamburg: ein elegantes, gemütliches Schiff. Schöner Name, schönes Schiff.

Ich saß an Deck, trank Kaffee, rauchte Zigaretten und genoss es, die Wellen zu beobachten. Die See wird mir niemals langweilig, bis heute nicht. Viele Passagiere erkannten mich und stellten mir Fragen, zum Beispiel, was ich von der neuen Generation Riesenschiffen halte. Auf der „Aidaprima“, die beim Hamburger Hafengeburtstag mit großem Feuerwerk getauft wurde, gibt es einen Platz für Mini-Golf und ein Klettergarten. Minigolf auf hoher See? Ich weiß nicht, was das soll, und ein Klettergarten gehört für mich nicht auf Wellen, sondern in den Wald. Es geht aber viel schlimmer.

Mini-Golf – unglaublich. In Frankreich wurde nun die „Harmony of the Seas“ in Dienst gestellt, der größte schwimmende Freizeitpark der Welt. Kabinen für 6400 Passagiere, 2100 Besatzungsmitglieder, macht zusammen 8.500 Menschen an Bord. Es gibt einen „Central Park“ mit 12.000 Pflanzen zum Spazierengehen, zwei Kletterwände, diverse Pools, Surfsimulatoren, eine, Sie lesen richtig: Seilbahn, drei Wasserrutschen, eine, Sie lesen wieder richtig: Eislaufbahn sowie ein Theater, in dem ein eigens entwickeltes Musical aufgeführt wird. Dazu Spielcasinos und so viele Kurse in allem möglichen Quatsch, dass es den Rahmen dieser Kolumne sprengt. Als kritischer Kapitän muss ich trotzdem anmerken: Mir fehlt etwas. Ein Streichelzoo mit mindestens 120.000 Meerschweinchen, Kaninchen und Hängebauchschweinen zum Beispiel.

Harmony of the seas

Im Ernst: Ich bin gerne auf See, weil ich die Salzluft zum Atmen brauche und die Weite genieße. Ich kann nicht verstehen, warum Kreuzfahrer mit zigtausenden die Enge teilen, nur um zu Shoppen, zu Mampfen oder sich bespaßen zu lassen. Was ist nur los mit den Leuten? Und noch wichtiger scheint mir die Frage zu sein, was im Notfall geschieht. Aus meiner Sicht ist es völlig unmöglich, eine Kleinstadt geordnet von Bord zu evakuieren, gerade bei schlechtem Wetter.

Ich habe einen Vorschlag an die Reedereien: Es merkt ohnehin niemand mehr, ob er auf dem Meer unterwegs ist. Das einzige Wasser, das die meisten Passagiere sehen, schwappt im Swimmingpool. Baut die Maschine aus, lasst das leise Brummen der Schiffsmotoren vom Band über die Bordlautsprecher laufen – und laßt das Schiff im Hafen.

 

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und lebt heute in Hamburg. Gerade erschien seine hochgelobte Biographie „Sturmwarnung“. Überall im Handel und hier bestellen.

Sturmwarnung Norderney

 

 

1 comment

An die Evakuierungsmöglichkeiten habe ich auch als erstes gedacht. Zumal die vielen Passagiere auch noch x-Etagen runter laufen müssen, um die Rettungsboote zu erreichen.
Konstantin Articus on Jun 05 2016

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