KAPITÄN SCHWANDT: Mittsommer auf den Aland-Inseln

Kurz vor Mitternacht scheint die Sonne aus einem Himmel ohne Wolken. Ich sitze auf einem Steg, rauche noch eine letzte Zigarette und sehe hinüber zur Viermastbark „Pommern“. Kleine Wellen platschen an die Pier, ein Möwenschrei über der Ostsee, es ist ein Abend wie aus einem Werbesprospekt. Mittsommer auf Aland, einer Insel-Gruppe zwischen Finnland und Schweden.

Im Museum von Mariehamn fand ich die Postkarte eines Gaffelseglers, eines der kleinen Schiffe, auf denen ich bei meinen ersten Reisen als Schiffsjunge unterwegs war. Tief verschüttete Erinnerungen kamen zurück. An harte Arbeit, weil Holzbrett um Holzbrett einzeln verladen wurde. An Mädchen, die auf der Suche nach sexuellen Abenteuern an die Pier kamen. An Mücken, dunke Schwärme von Mücken, die uns fertig machten. Und an billigen Schnaps, den wir schmuggelten. Heute, 63 Jahre später, liegen die Dinge anders: Mit den Mädchen ist es vorbei, Schnaps rühre ich seit Jahrzehnten nicht mehr an und eine Mücke ist mir bislang auch noch nicht untergekommen.

Mittsommer zurück in meine Jugend

Ich genieße diese Reise nach Aland, zurück in meine Jugend. Der Frieden über den Schären, das Abendlicht über einer alten Poststation, einen Bootsausflug zum Leuchtturm von Sälskär. Ich bin dahin zurückgekehrt, wo meine Zeit als Seemann begann, und ich spüre Zufriedenheit am Ende meines Lebens. Sicher, ich habe manchen Fehler gemacht, aber die gehören dazu. Würde ich alles so wieder machen? Ja, würde ich. Die beste Entscheidung war es, Seemann zu werden, rauszugehen in die Welt, immer wieder um die nächste Ecke zu blicken.

Der Tod beschäftigt mich heute nicht mehr. Ich wollte 80 Jahre alt werden, das war meine Ziellinie, und nächste Woche ist es soweit. Ich spüre keine Angst vor dem Tod. Es ist erstaunlich, dass ich so alt geworden bin, trotz des Raubbaus, den ich an meinem Körper betrieben habe. Zwei Packungen Zigaretten täglich, mindestens, seit sechs Jahrzehnten, dazu die Sauferei der früheren Tage.

Heute muss ich einige Tabletten schlucken, ständig meinen Blutzuckerspiegel messen und Insulin spritzen, zu jeder Mahlzeit, weil mir Ärzte, die ich nur „Weiße Wolken“ nenne, die Bauchspeicheldrüse entfernt haben (was, wie sich später herausstellte, falsch war.) Beschwere ich mich deshalb? Nein, tue ich nicht. Ich bin dankbar. Ich glaube, es kommt im Leben auf die Einstellung an. Klingt wie eine Weisheit aus dem Küchenkalender, aber es stimmt: Manche verstehen einfach nicht, wie gut sie es haben. Meine Frau Gerlinde hat als Schwester im Krankenhaus gearbeitet und wirklich schlimme Schicksale erlebt, junge Frauen, die gegen den Krebs verloren. Also: Will ich mich darüber aufregen, dass ich ein paar Tabletten schlucken muss? Ich stecke mir lieber noch eine Marlboro an und genieße die Mittsommernacht.

 

Die Fotos von Kapitän Schwandt hat Andree Kaiser aufgenommen.

 

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Neben seiner vielgelobten Biographie „Sturmwarnung“ erschien nun auch “Klare Kante”, die Sammlung seiner besten Kolumnen.

0 comments

Leave A Comment