KAPITÄN SCHWANDT: Pokemon und andere kleine Monster

An den Anblick von Menschen, die in ihre Telefone starren, als befinde sich darin die Weisheit der Welt, habe ich mich gewöhnt. Nun aber wird es noch seltsamer mit der „Generation Wischfinger“, wie ich gestern in der Hamburger Innenstadt feststellte. Junge Leute, die fast unter die Straßenbahn laufen, um kleine Monster zu fangen und mit ihnen zu kämpfen. Das Spiel „Pokemon Go“ verbindet die virtuelle mit der echten Welt, ist extrem erfolgreich und wird dafür sorgen, dass es in nächster Zeit – siehe Straßenbahn – keinen Mangel an Organspendern gibt.

Solange es uns so gut geht, dass wir Zeit für derlei Dinge habe, scheint alles in Ordnung. Vermutlich ist es auch ein Fortschritt, dass Teenager nicht mehr hinter ihren Rechnern hocken, sondern sich an der frischen Luft bewegen. Ich mag auch gar nicht den alten Miesepeter geben, der sich darüber aufregt, wie bekloppt die Welt geworden ist. Mir sind junge Leute, die kleine Monster jagen deutlich lieber als junge Leute, die Flüchtlinge beschimpfen und Helfer zusammenschlagen, wie in dieser Woche in München geschehen.

Schwandt Pokemon

Ich bin auch deshalb still, wenn ich daran denke, was wir früher getrieben haben. Zu meiner Matrosenzeit waren wir die „kleinen Monster“. In Chicago zum Beispiel. Mit Horst Lackman aus der Maschine, einem kräftigen Kerl mit kantigem Gesicht, trank ich „Blue Curacao“, ein furchtbar süßes Zeug mit Kopfschmerz-Garantie. Wir waren schon besoffen, als wir an Land gingen, an der Mündung des Calumet River. Zu den Bars der Innenstadt war es weit, und wir kamen an einem Gebrauchtwagenhändler vorbei.

Die geklaute Karre sprang nicht an

Horst versuchte, einen funkelnden Chevy zu knacken, doch der Motor sprang nicht an. „Nun mach`schon“, beschwor ich ihn, doch die Karre machte keinen Mucks. Stattdessen hörten wir Schreie. Wachleute! Wir rannten los, eine Böschung hinauf und einen Bahndamm entlang, ich verlor meine Sandalen. Lauf, Pokemon Jürgen, lauf! Ich lief barfuß über die Steine, es brannte höllisch, doch stehen zu bleiben war keine Option, das war klar. Hinter einem Stellwerk verstecken wir uns. Dann sahen wir die Gruppe, die näherkam: wütende Männer, mit Stöcken und Steinen bewaffnet. Autodiebe sind in den USA noch heute so beliebt wie Pferdediebe.

Wir hoben die Hände, zum Zeichen der Aufgabe, doch ich möchte mir nicht ausmalen, was geschehen wäre, wenn nicht im letzten Augenblick eine Sirene zu hören gewesen wäre. Im letzten Moment kamen die Cops. Sie zogen die Waffen, legten uns Handschellen an und fuhren uns zur Wache.

Wie ich aus dieser Nummer wieder herauskam, erzähle ich dann nächste Woche. Auf „Pokemon Go“ finden Sie so etwas nicht.

 

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und lebt heute in Hamburg. Gerade erschien seine Biographie „Sturmwarnung“

Sturmwarnung Mull

 

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