KAPITÄN SCHWANDT: Selfie-Alarm

Ein Foto, das mich in dieser Woche irritiert hat, zeigt eine junge Mutter kurz nach der Entbindung. Sie sieht blass und erschöpft aus, auf ihrer Stirn glitzern Schweißperlen. Eine Krankenschwester hält ihr das Neugeborene hin, doch die Frau kann es nicht in die Arme schließen. Sie ist damit beschäftigt, ein Bild mit ihrem Handy zu knipsen. Ein “Selfie”.

Für mich symbolisiert diese Aufnahme einen Irrsinn unserer Zeit, die wie gemacht ist für Selbstdarsteller und Profilneurotiker: Ich bin Selfie, wer bist du? Frauen werden zu Selfie Meis. Kerle benehmen sich wie Lukas Podolski, der in Brasilien 53 Minuten spielte, aber Weltmeister am Smartphone ist.

Immerzu wird jeder Tüdelkram geknipst und gefilmt und dokumentiert – und dabei oft das Elementare aus den Augen verloren. Am Grand Canyon hat die Parkverwaltung einen Warnhinweis aufgestellt: „Genießen Sie doch den Ausblick, bevor Sie fotografieren.“ Für die Schönheit des Augenblicks hat kaum noch jemand einen Sinn. Hauptsache ist es, im Internet Eindruck zu schinden.

Mit meinem Mobiltelefon kann ich vor allem eines: mobil telefonieren. Wenn mich junge Leute damit sehen, grinsen sie mitleidig. Opa war im Museum einkaufen. Ja, Jungchen, aber ich denke, im Telefonieren liegt der tiefere Sinn eines Telefons. Heute beobachte ich in der S-Bahn, dass selbst erwachsene Menschen diese Dinger brauchen wie Junkies ihre Spritzen.

Tante Ernas Napfkuchen

Ständig schielen sie aufs Display, als könnten sie eine lebensentscheidende Nachricht verpassen. Ein Fernsehsender schickte kürzlich einen Reporter durch eine Fußgängerzone, um Passanten nach ihrem letzten Handy-Foto zu fragen. Die Ergebnisse sind monumental. Monumental schwachsinnig: Tante Erna hat ihren Napfkuchen geknipst. Oma Dora dokumentierte den Kaffeekranz eines Chor-Ausflugs für die Nachwelt. Ein junger Mann präsentierte Aufnahmen vom Kegelabend, die seine besoffenen Kumpel tief im Dekolleté einer Kellnerin zeigen. Eine Mutter hat ihr Kind in Szene gesetzt: Es ist dick, schielt und Rotze läuft aus seiner Nase. So weit, so sonderbar.

Doch das tut keinem weh. Wenn ich allerdings in meiner MOPO von einer Massenkarambolage auf der A2 lese, nach der Verletzte auf dem Asphalt lagen, aber von anderen Autofahrern umkurvt und dabei fotografiert wurden, ändert das die Lage. Die Rettungskräfte berichteten, dass sie von Handy-Fotografen behindert wurden. Ich hoffe, dass es Mitgefühl demnächst als App gibt.

 

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in St. Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und lebt heute in Hamburg.

Nachtrag: Laut Medienberichten starben 2015 weltweit bereits mehr Menschen durch Unfälle, die direkt wegen Selfies entstanden, als durch Hai-Attacken.

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Sturmwarnung im Hamburger Hafen (Foto: Ankerherz)

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