KAPITÄN SCHWANDT: Selfie-Wahn mit Sprengstoffgürtel

Was haben eine Flugzeugentführung in Ägypten, der geschmacklose Tweet eines deutschen Nichtnutzes und Donald Trump gemeinsam? Ich will es in dieser Kolumne erklären. Es sind drei Nachrichten, die mir in dieser Woche besonders aufgestossen sind. Zunächst ein Brite, der an Bord eines Flugzeugs mit dem Entführer für ein „Selfie“ posiert, dümmlich grinsend neben dem potentiellen Attentäter mit Sprengstoffgürtel. Motiv: Er habe das „beste Selfie“ aller Zeiten schießen wollen, gab er später an. Dass der Selfie-Wahn womöglich 68 andere Passagiere das Leben kosten konnte? Unwichtiges Detail, wenn man auf Facebook gut aussehen will.

In dieser Woche starb der Jazz-Sänger Roger Cicero, erst 45 Jahre alt, tragisch, traurig. Es dauerte nur wenige Stunden, bis ein Typ, von Beruf medialer Nichtsnutz, das Ableben für seine Bühne missbrauchte, indem er einen, wie er meinte: „Scherz“ abließ und Konzertkarten anbot. Ich werde den Namen dieser traurigen Existenz bewußt niemals erwähnen, und so sollte es jeder handhaben, der in irgendeinem Medium etwas zu sagen hat. In den Sozialen Medien aber war die Empörung groß.

Aufmerksamkeit ist eine Währung in unserer Zeit. Aufmerksamkeit erzeugt man, in dem man dafür sorgt, dass sich Menschen – meist zu Recht! – aufregen. Es dringt nur noch durch, wer am lautesten polemisiert. Auf diese Weise ist Donald Trump von einem belächelten, sprechenden Haarteil zu einer Bedrohung fürs Weiße Haus geworden. Gezielte Attacken auf den Anstand, über die Diskussionen entbrennen. Lautes Geschrei, keine Inhalte – und hinterher zerfasert alles in Debatten darüber, was Meinungsfreiheit und „Satire“ alles dürfen.

Wohin führt der Selfie-Wahn?

Ich beteilige mich mit dieser Kolumne daran, das ist mir bewußt. Genau dies macht den Umgang mit diesen Phänomenen so schwierig. Natürlich gilt die Meinungsfreiheit, natürlich darf „Satire“ alles. Was ich mir jedoch wünsche, ist mehr „Common Sense“, ein stärkeres Gespür dafür, was richtig ist. Nennen wir es, ganz altmodisch: Anstand. Nennen wir es: Integrität. Man fühlt sich beinahe schlecht und altmodisch, aber so ist es doch. Wenn jemand neben einem potentiellen Selbstmordattentäter für ein Selfie posiert, gehört er nicht auf die Titelseite einer Zeitung, sondern in ärztliche Behandlung. Wenn sich jemand in Geschmacklosigkeiten unterbietet, sollte man ihn nicht beachten, sondern verachten. Das hat nichts mit „politischer Korrektheit“ zu tun, sondern mit menschlicher Korrektheit.

Die sozialen Netzwerke – und auch all jene Medien, die sich ihre Mechanismen des Sekunden-Geschreis zu eigen machen – befeuern einen Trend, der alles in einer endlosen Abfolge von Gezeter und Geschrei zu versinken drohen. Wir bekommen noch eine Hornhaut auf der Seele.

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und lebt heute in Hamburg. In wenigen Wochen erscheint seine Biographie „Sturmwarnung“.

 

1 comment

[…] Am Rande mal noch was zum Thema Selfi-Wahn… […]
G20 und Randale | Das langweilige Leben einer Hausfrau on Jul 08 2017
Generation Selfie ... ;-)
Dirk van Giezen on Apr 03 2016

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