KAPITÄN SCHWANDT: Der Stolz der Docker von London

 

Ich schaukele über die Irische See mit Kurs Belfast, während Sie diese Kolumne lesen. An Bord des Kreuzfahrtschiffs „MS Hamburg“ der Bremer (!) Reederei Plantours. Sie werden jetzt denken: „Moment mal, Schwandt auf einem Kreuzfahrer – hatte der nicht immer gesagt, er betrete ein solches Schiff nur hinter einer vorgehaltenen Pistole?“

Es gibt zwei Gründe: Seit meinem 80ten Geburtstag nimmt mich „aus versicherungstechnischen Gründen“ kein Frachtschiff mehr mit, weil ich einfach zu alt bin. Und für die „Very British“-Tour meines Ankerherz Verlags mache ich gerne eine Ausnahme, denn die „Hamburg“ ist keine schwimmende Bettenburg, sondern ein kleines, gemütliches Schiff. Wir konnten damit sogar unter der hochgeklappten Tower Bridge in London hindurch fahren. Dafür aufgestanden bin ich nicht, war mir zu früh.

Die Reise über die Nordsee brachte Erinnerungen zurück an die 1950ern, in denen ich immer wieder als junger Matrose die Themse hinauf kam, auf kleinen Frachtern, mit Stückgut oder Schnittholz in den Laderäumen. Manchmal lagen wir in London wochenlang fest, wenn die Hafenarbeiter streikten. Sie sahen aus wie schmuddelige Gentlemen: ausgebeulte Tweed-Sakkos, fleckige Hemden, die meisten trugen statt Helm eine Schiebermütze. Sogar Krawatten hatten einige Docker umgeknotet. In jeder Schicht standen ihnen fünf Teebeutel und ebenso viele Pausen zu. „Tea-Time“! Sie waren ein stolzer Haufen: Kam ihnen ein Offizier oder jemand von den Behörden blöd, legten sie die Arbeit nieder, und dies konnte dauern. Der Stolz der Docker.

Der Stolz der Docker

Britische Häfen waren im Allgemeinen unbeliebt. Gab es die Order, dorthin zu fahren, verdrehten alle die Augen, und eine miese Stimmung legte sich übers Schiff. Pünktlich um zehn Uhr, das wussten wir, schlossen die Pubs, kurz vorher mit dem Schlag einer großen Glocke und dem lauten Ruf „Gentlemen: Time, please!“ angekündigt wurde. Keine Viertelstunde später löschte auch der gutmütigste Wirt die Lichter.

22.15 Uhr, Teufel und Axt, was für eine Verschwendung! Das war sonst die Zeit, in der wir „Betriebstemperatur“ erreicht hatten. Auch der beliebte Frühschoppen am Sonntagmorgen fiel in Großbritannien aus, denn die Pubs öffneten erst nach dem Gottesdienst. Kein Wirt wagte es, sich dem zu widersetzen, so sehr ihn der Umsatz mit unserer durstigen Crew auch locken mochte; die englischen Bobbys kontrollierten streng, und jeder Verstoß bedeutete, dass die Kneipe ihre Lizenz verlor.

Eine haarsträubende Geschichte, in der ein Mädchen eine wichtige Rolle spielt, erlebte ich in Edinburgh. Die schottische Hauptstadt ist letzter Hafen unserer „Very British“-Tour.

Ich werde berichten.

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Seine Biographie „Sturmwarnung“ ist seit Monaten ein SPIEGEL-Bestseller. 

Sturmwarnung Mull

 

 

 

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