KAPITÄN SCHWANDT: Truckerfähre

Ich bin immer gerne auf See, egal, auf welchem Schiff, ganz egal, wohin die Reise geht. Die See ist mein Zuhause. Ich fühle mich wohl auf den Wellen, ich kann frei durchatmen, ich bin ein anderer Mensch. Vergangene Woche fuhr ich von Kiel nach Klaipeda in Litauen, auch, um an meinem Buch zu arbeiten, das im kommenden Frühjahr bei Ankerherz erscheinen wird. Das passte: von echter Arbeit war auf der Fähre „Victoria Seaways“ viel zu spüren. Die meisten Passagiere an Bord waren Trucker.

Auf der Trucker-Fähre

Stämmige Kerle, breit mal hoch gebaut, mit rasierten Schädeln und mächtigen Armen, und sie trugen alle, als gäbe es einen offiziellen Dresscode, ärmelloses T-Shirt, Bermuda-Shorts und Plastiklatschen. Ich mischte mich unter sie, wenn wir an Deck rauchten. Am Abend kauften sie an der Bar Plastikschalen mit einem merkwürdigen Inhalt, es sah aus wie vergammelte Chips. Ich fragte einen Trucker, was drin war: „Knoblauchbrot, Käse, frittierte Schweineohren“, antwortete er. „Wollen Sie etwas abhaben? Schweineohr?“ Ich lehnte dankend ab.

Zu meiner Zeit als Matrose, Anfang der 1950er-Jahre, war ich zwei Jahre lang mit kleinen Schiffen auf der Ostsee unterwegs gewesen, in so ziemlich jedem Hafen, doch Klaipeda kannte ich noch nicht. Die Stadt mir gut gefallen, nicht nur, weil das große Seefest in der Altstadt und in den Docks gefeiert wurde. Zwischen den Kränen spielte Musik, es wurde getrunken und gelacht, die Leute hatten sich stadtschick gemacht und es schien ein warmes Abendlicht. Kaum eine Hausfassade, die noch die Spuren des Kommunismus aufweist und die meisten Straßen hätten auch in Hamburg sein können, nicht in Pöseldorf, aber in Altona. Angenehm also.

Das Beste der Reise aber war die Passage zurück nach Kiel. Ein Sommersturm zog auf, Windstärke Neun, und die Fähre schob sich durch die kurzen, harten Wellen der Ostsee. Ich habe lange nicht mehr so gut geschlafen wie in dieser Nacht. Endlich wieder Seegang! Ausgerechnet auf der Ostsee, die bei uns Seeleuten spöttisch „Badewanne“ genannt wird. Sturm auf See – wie hatte ich das vermisst! Ich stand stundenlang an Deck, ließ mir den Salzgeruch um die Nase wehen, rauchte und sah auf die Wellen.

Wer das Meer liebt, der sieht keine Fläche, sondern eine Landschaft in blau und grau, die sich ständig verändert, in jeder Minute. Das Licht ist anders, die Farben des Wassers wechseln, die Wolkenformationen auch. Mir wird das nicht langweilig, nie, und als die Kieler Förde in Sicht kam, hätte ich manches dafür getan, um gleich weiterfahren zu können.

Sogar eine ganze Schale Schweineohren hätte ich dafür geknabbert.

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Seine hochgelobte Biographie Sturmwarnung kann man hier bestellen.

 

 

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