KAPITÄN SCHWANDT: Weihnachten und Rettung am Radio

Weihnachten auf See: Alle deutschen Seeleute weit draußen auf den Meeren warten am Heiligen Abend auf eine Radio-Sendung. „Gruß an Bord, Weihnachten auf See“, ist eine Institution und wird schon seit 1953 ausgestrahlt. Ich erinnere mich daran, wie wir uns damals in der Bude des Funkers versammelten. Es gab noch kein Satelliten-Telefon und keinen UKW-Sender. Die Grüße erreichten uns über die Seefunkstelle Norddeich Radio, mit Rauschen und Knistern und Krächzen, mal war es zu laut, mal ganz leise, man konnte kaum etwas hören und verstand doch jedes Wort. Nach der Sendung rauchten wir eine Zigarette, dann ging die Arbeit weiter.

1959 ließ mich meine damalige Verlobte grüßen. Ich war ganz erstaunt, die Nachricht zu hören, und an dieses Gefühl musste ich denken, als ich nun im „Seemannsheim Duckdalben“ zu Gast war. Der NDR hatte mich als Gesprächspartner eingeladen, was ich als Ehre empfinde. Was in den Duckdalben geschieht, hat mich beeindruckt: Ein Team von Ehrenamtlern um die Seemannsdiakonin Anke Wibel leistet großartige Arbeit für Matrosen aus allen Ländern. Oft bleiben den armen Kerlen nur ein paar Stunden bis zum Auslaufen, um sich zu Hause zu melden. Neun Telefonzellen stehen zur Verfügung, Billiardtische und ein „Raum der Stille“. Ein kleiner Rettungsanker für die Seeleute.

Weihnachten auf See? Fest der Einsamkeit

Welche Opfer das Meer fordert, die Einsamkeit, die Sehnsucht nach Familie und dem Partner, wurde während der Radio-Aufzeichnung deutlich. Eine junge Frau schaffte es zunächst nicht, Worte an ihren Mann auf einer deutschen Fregatte zu richten, weil ihr die Stimme versagte. Eine andere erzählte, dass sie die letzten sieben Heiligabende allein neben dem Baum verbrachte. „Ich hoffe, dass das nächstes Jahr anders sein wird“, sagte sie. Sie weiß, dass ihr Seemann nur wenig Einfluss darauf haben kann.

Reeder sind eigenartige Menschen, die darauf aus sind, alles aus Material und Besatzung herauszuholen. Damals gab es eine Bestimmung, daß Schiffe am 24. Dezember nach 12 Uhr mittags nicht mehr auslaufen durften, damit die Seemänner den Abend in ihren Familien verbringen konnten. Wir freuten uns natürlich – doch was passierte? Um 10 Uhr bekamen wir Order, den Ladevorgang abzubrechen. Den Rest sollte das nächste Schiff mitnehmen, und schon eine Stunde später kam der Lotse an Bord: „Klar vorn und achtern, Leinen los, Maschine langsam voraus.“

Als wir die Elbe abwärts liefen und die Weihnachtsbäume und Lichtergirlanden an Land sahen, legte sich eine tiefe Schwere über das Schiff, verbunden mit Wut. Wir erledigten unsere Pflichten, natürlich taten wir das, und dem Reeder wünschten wir wenig Frohes, dafür aber sehr fest.

Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, wuchs in Sankt Georg auf. Er fuhr jahrzehntelang zur See und lebt heute in Hamburg. 

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Klare Kante

 

 

 

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