Käptn‘ Charly: Ärger auf Sankt Pauli

St. Pauli hatte eine Wirkung auf uns Seeleute wie das Rotlicht auf liebestolle Motten. Vor allem nach langen Reisen hatten die bunten Neonreklamen auf dem Kiez, das volle Leben, das aus jeder Kneipe schallte, und natürlich die Mädchen, die uns aus den Fenstern zuwinkten, eine Magie. Dabei ging es uns gar nicht immer um einen Besuch im Freudenhaus. Oft reichte es, ein paar Biere zu trinken und den besonderen Geruch von St. Pauli in der Nase zu haben.

Mit der Zeit hatte sich das „Zillertal“ zu meiner Stammkneipe entwickelt. Ein Stimmungslokal, wie man so schön sagte, das versuchte, direkt neben der Davidwache am Spielbudenplatz etwas bayerisches Flair in die Hansestadt zu bringen. An einer Wand stand der Spruch geschrieben „Schaug das’d in Schwung kimmst“, und auf der Bühne davor spielte immer eine kleine Blaskapelle in ihren traditionellen Ledertrachten. Wenn man wollte und eine Lokalrunde ausgab, kamen sie zu einem an den Tisch, und man durfte die Band dirigieren. Für eine Lokalrunde musste man mit ungefähr 30 Mark rechnen. Viel Geld, aber den Spaß wert.

Der nackte Friedel

Ich war Kapitän eines Frosttrawler, auf dem wir die gefangenen Fische gleich verarbeiten und einfrieren konnten, als wir 1968 im Hamburger Hafen anlegten. Zusammen mit Friedel, meinem zweiten Steuermann, und einigen Jungs beschlossen wir, noch ein Bier im „Zillertal“ zu nehmen. Wir müssen ein lustiges Bild inmitten des bayerischen Ambientes abgegeben haben. Friedel war ein echter Seebär aus Heiligenhafen, groß und kräftig, und er trug die ganze Zeit einen Beutel mit gefrorenem Fisch an der Hand, den er noch an dem Abend mit nach Hause bringen wollte. Mit jedem Bier und jedem Schnaps steigerte sich unsere Laune. Ich lehnte mich zu Friedel: „Hast du nicht Lust, den Taktstock zu schwingen? Ich schmeiss eine Lokalrunde!“

Friedel grinste etwas schief und gab ein Brummen von sich, das ich als „Ja“ interpretierte. Die Kapelle kam, die Gäste jubelten, und ehe ich mich versah, stand Friedel auf unserem Tisch, dirigierte und riss sich dabei alle Kleider vom Leib. Bevor einer von uns reagieren konnte, tanzte unser riesiger Seebär splitterfasernackt auf dem Tisch. Ich weiß nicht, ob er meine Aufforderung den Taktstock zu schwingen falsch verstanden hatte, jedenfalls kippte die Stimmung schlagartig. Die Jungs von der Davidwache stürmten in Windeseile die Kneipe und hatten unseren Friedel so schnell mitgenommen, wie er sich entkleidet hatte.

Wir tranken einige Kaffee, um wieder etwas klarer zu werden, und gingen hinterher. Rainer, der Mann meiner Nichte, war Polizist auf der Wache. Vielleicht hatten wir Glück.

Mit Fisch auf die Davidwache

Wir betraten die Dienststelle, und ich wedelte mit der Tüte Fisch herum.

„Moin, ist der Seemann, den ihr gerade im Zillertal einkassiert habt, hier?“

„Ja, der schläft.“

„Wir wollten ihm seinen Fisch bringen.“

Der Beamte schaute mich grimmig an.

„Scherz beiseite. Aber wir müssen ihn mitnehmen. In nicht einmal 48 Stunden legt unser Trawler wieder ab, und er muss noch seine Familie sehen.“

„Geht nicht.“

Ich atmete tief durch. „Der Jung war 80 Tage auf See. Da haben ihm die zwei Biere gleich die Beine weggezogen. Ist Rainer nicht hier?“

Der Beamte blieb wortkarg, bis ein junger Polizist auf mich zukam. „Bist du nicht Onkel Charly?“

Er stellte sich als ein guter Freund von Rainer vor und half uns Friedel aus seiner Ausnüchterungszelle zu holen. Wir zahlten 6,70 Mark für eine Scheibe Schwarzbrot und etwas Wasser und setzen Friedel in das nächstbeste Taxi Richtung Heiligenhafen.

Das Schlimme: Er konnte sich am nächsten Morgen an nichts erinnern, keine Blaskapelle, keine Davidwache, keine Rettungsaktion.

Auf St. Pauli ist so mancher Seemann verloren gegangen, aber noch mehr Erinnerungen.

 

 

– Charly Behrensen, Jahrgang 1945,  Hochseefischer. Er war verheiratet, hatte fünf Kinder und lebte in Cuxhaven. Charly starb im Mai 2015.  –

 

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