Mike Tyson und die Geschichte einer Taube

Mein Leben als junger Verbrecher

Von Mike Tyson

Dies ist ein Auszug aus einer von 20 Geschichten aus unserem Buch KNOCKOUT. Mike Tyson beschreibt darin seine Kindheit und Jugend im übelsten Teil von Brooklyn, New York. In einem Viertel, in dem das Recht des Stärkeren gilt und er sich schon früh einer Jugendbande anschließt. Es handelt sich um eine stark gekürzte Version – um jene Augenblicke, in denen aus dem Jungen Mike der Boxer Mike Tyson wurde – und später “Iron Mike”, der jüngste Schwergewichts-Weltmeister aller Zeiten.

Die ganze Geschichte lest Ihr in unserem Buch KNOCKOUT.

„Eines Tages ging ich nach Crown Heights und brach mit einem älteren Jungen in ein Haus ein. Wir fanden 2200 Dollar Bargeld, und er gab mir 600 Dollar. In einer Tierhandlung kaufte ich davon Vögel. Sie wurden für mich in eine Kiste verpackt, und der Besitzer half mir, sie in die U-Bahn zu verfrachten. Als ich ausstieg, half mir jemand aus meiner Nachbarschaft, die Kiste zu dem Abbruchhaus zu schleppen, wo ich meine Tauben versteckte. Aber dieser Junge erzählte einigen Kids von meinen Vögeln. Plötzlich tauchte ein Kerl namens Gary Flowers mit ein paar Freunden auf, um meine Tauben zu klauen. Meine Mutter beobachtete, wie sie sich an den Vögeln zu schaffen machten, und rief mich sofort. Ich rannte zu ihnen und stellte sie zur Rede. Sie sahen mich kommen und ließen von den Tauben ab, nur Gary hatte immer noch einen meiner Vögel unter dem Mantel versteckt.

“Gib mir meinen Vogel zurück”, protestierte ich. Gary holte den Vogel unter seinem Mantel hervor. “Willst du den Vogel? Willst du den verdammten Vogel wirklich?”, sagte er. Dann drehte er der Taube den Kopf ab und warf ihn auf mich, so dass mein Gesicht und mein Hemd voller Blut waren.

“Geh auf ihn los”, drängte mich einer meiner Freunde. “Hab’ keine Angst, geh’ einfach auf ihn los!”

Zuvor war ich immer viel zu ängstlich gewesen, mit jemandem zu kämpfen. In meiner Gegend wohnte ein älterer Kerl, Wise, der mal in der Police Athletic League geboxt hatte. Er rauchte mit uns Gras, und wenn er high war, fing er mit Schattenboxen an. Ich beobachtete ihn und er sagte: “Los, mach mit”, doch ich hatte nicht einmal den Mut, mit ihm die Boxbewegungen zu trainieren. Ich erinnerte mich jedoch an seinen Boxstil.

Eine neue Art Respekt

Also sagte ich mir, “scheiß drauf”. Meine Freunde waren überrascht. Ich hatte keine Ahnung, was ich tat, schlug einfach wie wild um mich. Ein Schlag traf ihn, und er ging zu Boden. Wise tänzelte, wenn er Schattenboxen trainierte. Nachdem ich Gary k.o. geschlagen hatte, tänzelte ich ebenfalls mit meinem Arsch herum. Der ganze Block schaute dabei zu. Alle jubelten und klatschten. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, mein Herz raste.

Jetzt erntete ich auf der Straße eine ganz neue Art von Respekt. Die Jungs fragten jetzt meine Mutter nicht mehr: “Kann Mike mit uns spielen?”, sondern: “Kann Mike Tyson mit uns spielen?” Andere Jungs schleppten ihre Kumpels an, damit sie gegen mich antraten, und schlossen Wetten ab. Ich hatte jetzt also eine weitere Einnahmequelle. Sie strömten auch aus anderen Bezirken herbei. Obwohl ich noch ein Kind war, trat ich gegen ältere Jungs an und gewann viel Geld. Selbst wenn ich verlor, sagten die Jungs, die mich geschlagen hatten: “Verdammt, bist du wirklich erst elf?”

So wurde ich in Brooklyn bekannt. Ich hatte den Ruf, dass ich gegen jeden kämpfte, auch gegen erwachsene Männer, einfach gegen jeden.“

(…)

KNOCKOUT – Das Leben ist ein Kampf, herausgegeben von SPIEGEL-Reporter Takis Würger. Die 20 besten Geschichten vom Boxen. In jedem gut sortierten Buchladen und versandkostenfrei hier bei uns.

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