Kommentar: Gegen die Hysterie. Mehr Vertrauen in Deutschland

Eine Woche waren wir auf dem Nordatlantik. Wellen, Wind und Weite und auf dem Ozean nur schwaches Internet via Satellit. Was vielleicht das Schönste an der Reise war, denn immer dann, wenn wir auf den Färöer-Inseln oder auf Island in einen Hafen einliefen und die Verbindung stand, war der Wahnsinn zurück. Hätte ich es nicht besser gewusst, ich hätte nach einem Blick in die „Sozialen Medien“ befürchtet, dass Deutschland kurz vor der Selbstauflösung steht.

In meiner Facebook-Blase posteten Dutzende gegen die Groko, mit Hashtags #nichtmeineRegierung, #Gruselkabinett, schalen Witzen und Beschimpfungen gegen Schulz, „die „Politiker“ und überhaupt. Menschen, von denen ich weiß, dass ihr einziges Problem die Wahl der profitabelsten Geldanlage ist, gerieren sich wie Klassenkämpfer. Menschen, die ich besonnen kennenlernte, pöbeln wie angesoffene Stammtischbrüder. Unter dem Großbegriff „Staatsversagen“ geht es für manche in der Argumentation nicht mehr.

Lust auf Selbstzerstörung

Woran liegt die Lust an der Selbstzerfleischung? Und Verzeihung: Was ist eigentlich so schlimm an der nächsten Großen Koalition?

Es gibt Probleme in Deutschland, das ist richtig. Pflege, Bildung, in Teilen Innere Sicherheit und der Zustand der Bundeswehr. Diese Probleme aber sind erkannt und ausgiebig diskutiert worden. Ich kenne Deutschland so, dass Probleme geregelt werden. Manchmal langsam, aber meistens richtig. In drei Jahren werden mehr Polizisten nach ihrer Ausbildung Dienst tun. Es wird mehr Pflegekräfte geben und auch mehr Lehrer.

 

Ist unser Land sozial so ungerecht, wie viele es postulieren? Ich denke nicht. Vielleicht sollte man mehr darüber nachdenken, wie sich mehr unternehmerischer Mut lohnt. In so ziemlich allen OECD-Rankings, was Wirtschaftsleistung angeht, belegt Deutschland einen vorderen Rang. In internationalen Umfragen zu Lebensqualität kommt raus, dass die Welt mit einer Mischung aus Bewunderung und Respekt auf unser Land schaut. Wieso sind wir nicht stolz darauf, wie Deutschland auf die Flüchtlingskrise reagiert hat? Wie Millionen Menschen sich engagierten. Und wieso feiern wir diese oft unsichtbaren Helfer nicht viel mehr, statt auf jene zu schauen, die schwachsinnigerweise Bürgerkriege aufziehen sehen.

Warum reden so viele fast alles schlecht?

Die letzte Regierung unter Angela Merkel hat das Land durch Krisen wie den Ukraine-Krieg, die Griechenland-Pleite, den Brexit, russische Einmischung und das erste Jahr eines Trump im Weißen Haus geführt. Hat jemand noch Achtung vor einer solchen Leistung?

Nein, ich bin nicht glücklich über ein „Heimatministerium“ unter CSU-Führung oder einen Bundesminister mit Namen Horst. Ja, ich würde mir auch mehr Aufbruch wünschen, den eine Jamaika-Koalition vielleicht ermöglicht hätte. Doch diese Koalition ist nicht mehr möglich, dies ist nun ein Fakt. Wo bleibt der Pragmatismus?

Mehr Vertrauen in Deutschland

Wo bleibt das Vertrauen darauf, dass Beständigkeit in einer unsicheren Zeit kein Fehler sein muss? Sondern eine Stärke sein kann.

Was mich mehr verunsichert, ist der Zulauf zur AfD, der durch dieses hysterische, lemminghafte Gehampel geschürt wird. Keine Woche vergeht ohne einen Skandal, ohne eine rassistische Entgleisung dieser rechtsextremen Partei. Der Vorsitzende des Haushaltsausschusses bezeichnet die Kanzlerin als „Merkelnutte“ und „Dirne“, die den „Volkskörper“ durch „Fremde pentetrieren“ lässt. Es ist widerlich, solche Figuren im Bundestag zu sehen.

Darüber lohnt es sich aufzuregen, an jedem Tag. Dagegen muss demokratischer Widerstand organisiert werden.

Was die demokratischen Parteien leisten, muss einem nicht immer gefallen. Es gibt aber keinen Grund, den Selbstzerstörungsknopf zu drücken und alles in Frage zu stellen. Ich wünsche mir mehr Souveränität, mehr Gelassenheit und mehr Vertrauen in Deutschland.

 

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vorher war der Polizeireporter der Chicago Tribune, Reporter für Zeitschriften wie max, Stern und GQ und berichtet weltweit aus 80 Ländern. Das Paar hat vier Kinder und lebt in der Nähe von Hamburg.

 

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