Küstenkind – meine Liebe zu Spiekeroog

Uns erreichen jeden Tag Mails, Nachrichten und Briefe. Diese Zuschrift ist besonders. Eine Hamburgerin schreibt über die Liebe zu ihrer Insel. Sie möchte anonym bleiben. Sie nennt sich “Küstenkind”. Diese besondere Geschichte einer Liebe zu Spiekeroog geben wir gerne weiter. Danke an die Autorin.

Sie war ein Kind der See. Fast auf dem Meer geboren; der Vater Kapitän, die Mutter Stewardess auf einem Containerschiff der Hapag-Lloyd. Sie fuhr mit, bis sie drei Jahre alt war. Dann wurde ihr Bruder geboren und die Familie wurde sesshaft.

Als sie zehn Jahre alt war, kauften die Eltern ein kleines Segelboot. Von da an waren sie jede freie Minute auf dem Wasser. Von Bremen aus erkundeten sie die Nordsee, die holländischen und die ostfriesischen Inseln. Schön waren sie alle. Als sie aber eines Abends erschöpft und viel zu spät im Hafen von Spiekeroog einliefen, sollte dies ihr Leben verändern. Es dämmerte; die Marina war bis auf den letzten Platz belegt, sie gingen an die Kaimauer. Und mussten mit dem ablaufenden Wasser alle paar Minuten Leine lassen. Der Familienhund war mit an Bord; diesen bei Ebbe von einem kleinen Segelschiff die Kaimauer hoch zu wuchten, war schon ein Abenteuer für sich.

Die Liebe zu Spiekeroog

Und dann, am nächsten Tag sah alles schon ganz anders aus. Diese Insel war besonders, sie fühlte sich anders an. Die Familie blieb eine Weile und entdeckte einen geheimen Gang zum Strand, das zauberhafte Inseldorf und sie kehrten Jahr für Jahr wieder. Nirgends fühlten sie sich wohler!

Sie war 16, als die Eltern sich trennten. Das Segelboot wurde Vergangenheit. Fortan fuhr sie nur noch mit ihrer Mutter auf die Insel, mit der Fähre der Touristen. Das fühlte sich ganz anders, ganz komisch an. Aber sobald sie einen Fuß auf die Insel setzten, fühlten sie sich zuhause. Und so blieb es all die kommenden Jahre. Spiekeroog wurde ein zweites Zuhause.  Jahre später nahm sie Ihren Partner mit, auf „ihre“ Insel.

Glückliche Zeiten.

Als sie 35 Jahre alt war, wurde ihre Mutter krank. Eine aggressive, neurologische Krankheit, nicht heilbar. Eine sportliche, lebenslustige und starke Frau wurde immer… weniger. Sie hatte noch zwei Wünsche: Noch einmal nach Spiekeroog und später…zwischen Spiekeroog und Wangerooge bestattet zu werden. Nun, den ersten Wunsch haben sie nicht mehr geschafft, es ging alles zu schnell. Ihre Mutter starb, binnen eines Jahres mit nur 61 Jahren. Und doch… Die Seebestattung war schön. Die Sonne brach durch die Wolkendecke, als die Urne in der See versank. Sie hielt ihren Bruder in den Armen. „Tschüss, Ma…!“

Kurz darauf trennte sich ihr Partner von ihr. Er wollte frei sein, sagte er.

Der Ruf der Insel

Und dann, ein Jahr später, kam wie immer der Inselruf. Den Inselruf verstehen- bzw. hören nur Menschen, die auf einer Insel zuhause sind. Das ewige Fernweh derer, welche die Liebe zur See mit in die Wiege gelegt bekamen. Sie war 37, als sie zaghaft wieder ins Auto stieg und nach Neuharlingersiel fuhr. Sie stieg am Hafen aus, sah sich um und alles zog sich schmerzhaft in ihr zusammen. Sie fuhr rüber und bekam Krämpfe. Durch das Inseldorf liefen nur gutgelaunte Menschen. Sie jedoch wurde überrollt von Erinnerungen.

An die glückliche Zeiten, an ihre Mutter, ihren Ex-Partner. Sie fühlte sich unfassbar einsam und flüchtete sich in die kleine Leihbücherei, stundenlang weinend und auf die nächste Fähre wartend.

Zuhause fragte sie sich: Ist es noch meine Insel? Ist es vielleicht zu früh? Sie versuchte es mit 38 Jahre, mit 39 Jahren immer wenn die Insel rief und bekam jedoch schon bei dem Gedanken an die See zu fahren, Magenschmerzen. Sie wollte es gern, konnte es aber irgendwie nicht. Traurig musste sie sich eingestehen, dass die Zeit auf Spiekeroog wohl einfach vorbei war. Ihre Kollegen sagten, es gäbe noch so schöne andere Inseln. Wusste sie alles. Dort wollte sie aber auch nicht hin.

Der Inselruf blieb. Sie blieb traurig, etwas fehlte ihr.

Liebe zu Spiekeroog

Sie war 42 als sich just letzte Woche spontaner Besuch aus Bayern ankündigte. Liebe Freunde, drei Jahre nicht gesehen. Und sie wollten unbedingt nach Spiekeroog! Sie schluckte. Ihre bayerischen Freunde wussten sehr wohl, wie schwierig das Thema war, jedoch wollten sie zu dem Ort, von welchem sie über die Jahre immer so geschwärmt hatte. Vielleicht klappt es ja, wenn sie in Begleitung fuhr? Sie willigte ein. Unsicher im Herzen. Oh und ihre Freunde waren schlau! Auf der Fahrt von Bremen nach Neuharlingersiel fragten sie sie alle mögliche: Was sind Priele, was sind Priggen? Sagt man auch abends „Moin“, was ist eine Bugwelle. Sie kam überhaupt nicht dazu, traurig zu werden. Am Hafen ging es dann weiter, mit der Fragerei und eh sie es sich versahen, waren sie auf der Spiekeroog I. Clevere Freunde hatte sie da bei sich.

Als sie nach 45 Minuten die volle Fähre verließen und sie nach fünf Jahren wieder einen Fuß auf die Insel setzte, breitete sich eine Ruhe in ihr aus. Sie hörte die Touristen gar nicht mehr, ihr Blick ging langsam über den Deich, links von ihr. Ihre Freunde wollten die typischen Sehenswürdigkeiten mitnehmen; sie jedoch zog es Richtung Westen, den alten Weg entlang, den sie so unzählige Male gegangen war(en). Durch den kleinen Geheimweg auf die ganz bestimmte Düne rauf. Und als sie oben stand, wurde ihr Herz weit. Ganz weit. Als würde sich ein falsch gebundener Seemannsknoten lösen. Als sie unten am Wasser ankam und den Sand zwischen den Zehen spürte, liefen ihr die Tränen. Doch dieses Mal waren es Freudentränen!

Freude, wieder hier zu sein! Es kam kein Kummer in ihr hoch, sie war glücklich! So blieb sie eine ganze Weile an dem fast menschenleeren Strand und hatte das Gefühl, wieder nach Hause gekommen zu sein.

Bruce Springsteen im Radio

Ihre Freunde aus Bayern waren „schockverliebt“. Es gefiel ihnen so gut, dass sie noch eine freie Unterkunft fanden und gleich eine Nacht blieben. So fuhr sie allein auf dem Schiff zurück, gegen Abend. Sie fühlte sich ganz leicht, als sie so über die fast leere Autobahn nach Hause fuhr. Sie war dankbar. Ja, sie bedankte sich im Geiste bei ihrer Mutter, dass diese auf sie aufgepasst hatte und schalte das Radio ein.

Es lief „Jersey Girl“ von Bruce Springsteen. Das Lieblingslied ihrer Mutter. Sie haben es immer lauthals zusammen im Auto gesungen, wenn sie zusammen unterwegs waren. Nicht schön, aber schön schief. Halb totgelacht haben sie sich danach immer.

Sie lächelte und sah auf den leeren Beifahrersitz.

„Hallo Ma! Wann fahren wir wieder rüber?“

 

Wer ist SIE?

Ich heiße Carmen, ich bin 42 Jahre alt und ich lebe in Bremen mit meinem kleinen Kater. Ich bin Bürokauffrau und ausgebildete Sterbebegleiterin; letzteres ist mir durch die Begleitung meiner Ma zur Berufung geworden. Ich bin glücklich, dass ich mir nun neue, schöne Erinnerungen auf „meiner“ Insel schaffen kann und freue mich, bald wiederzukehren. Seit nunmehr fast 33 Jahren fahre ich nach Spiekeroog.

 

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