Ankerherz Stories: London. Der Stolz der Docker

Herbst 1952, der Nebel hängt schwer über dem Hafen von London. Weil ein Docker entlassen worden ist, sind alle Hafenarbeiter in Streik getreten. Kapitän Gottfried Hilgerdenaar erfährt, wer die wahren Herrscher der Docks sind. 

Auszug aus unserem Kapitäns-Bestseller WELLENBRECHER 

Wir leben in einer Zeit, in der man alles kaufen kann, alles außer Haltung und Stolz. Mich macht es oft ratlos, wenn ich in der Zeitung lese, dass Menschen ihre Jobs verlieren und Konzerne am gleichen Tag neue Rekordgewinne verkünden. Ich denke dann an die Docker von London, erinnere mich, wie damals im Hafen der englischen Hauptstadt die Dinge liefen, und muss schmunzeln.

London anzulaufen empfand ich, seinerzeit Zweiter Offizier auf der „Bussard“, einem kleinen Stückgutfrachter, als besonderes Erlebnis, schon wegen der Reise die Themse hinauf. Man mußte acht geben im schweren Londoner Nebel, der zu dieser Stadt gehörte wie Big Ben oder die Tower Bridge. Im Nebel hörte man, dass auf den Lastkähnen, die nur mit schwachen Petroleumlampen beleuchtet waren, Glocken geschlagen wurden. Ein Gebimmel lag über dem Wasser.

London: Der alte Pub Prospect of Whitby direkt an der Themse. Foto: Ankerherz

 

Die Schuppen aus Backstein waren geschwärzt vom Ruß der Jahrzehnte, Laternen schnitten Lichtkegel in den Schleier aus Dunst, und in den schmalen Gassen knarrten halb abgerissene Tore. Tief in der Nacht, wenn es still war über den Docks, konnte man hören, wie die Waggons der „Tube“ unter den Hafenbecken durchratterten. Unser Liegeplatz war nicht nur gespenstisch, sondern auch interessant: Ganz in der Nähe befand sich der Pub „Prospect of Whitby“, angeblich die älteste Kneipe an der Themse.

Im „Prospect“, einst ein berüchtigter Treffpunkt von Schmugglern und Halsabschneidern, atmete man eine Luft wie in einer Räucherkammer. Jeder Gast rauchte, als verlange das die Hausordnung; Männer unter Schieberkappen lehnten am Tresen und kippten Pints mit Bier.

Docker mit Krawatte

Die Docker sahen nicht aus, wie man sich heute Hafenarbeiter vorstellt: Die meisten trugen statt Blaumann Krawatte, Hemd und Mantel. Wer heute die Fotos betrachtet, denkt eher an die Zigarettenpause einer Jazzbar als an Männer, die körperlich harte Arbeit leisteten. Morgens warfen sie mir ihre ausgelesenen Zeitungen ins Bulleye, die sie auf der Suche nach den Ergebnissen der Windhunderennen geblättert hatten. Wehe aber, etwas verstieß gegen die Regeln ihrer Gewerkschaft.

Eine Gang von Dockern bestand aus 13 Männern. Fehlte nur einer von ihnen zum Arbeitsbeginn, setzten sich alle anderen auf die Luken, spielten Karten, lasen Fußballberichte oder rauchten. Erst, wenn die Gruppe vollzählig war, begann die Arbeit. Unantastbar war die „Teatime“, ein Ritual, das genau zehn Minuten dauerte und für die sie vorher einen Kessel in die Kombüse brachten. Billy, der Vorarbeiter, ein kleiner, schmächtiger Kerl mit allzeit schmutzigen Händen, zog einen Lappen aus seiner Manteltasche und putzte die Mugs. Diese zehn Minuten, in denen sie mit dampfenden Tassen beieinander standen, über die Ergebnisse des FC Millwall oder der Hunderennbahn fachsimpelten, gehörten zum festen Ablauf eines Tages.

 

Jederzeit konnte es in den Docks von London zu einem Streik kommen. Eine Unstimmigkeit genügte, damit die Gangs zuerst das Schiff, dann das Hafenbecken und Stunden später den kompletten Hafen lahmlegten. Ihre Solidarität wirkte und die Chefs der Stauereien überlegten es sich, ob sie einen Arbeiter wegen eines Fehlverhaltens feuern sollten. Streiks konnten sich über Wochen hinziehen, manchmal dauerten sie sogar monatelang. Auch für die Schiffsbesatzungen bedeutete dies: nichtstun. Wir versuchten einmal, die Zeit zu nutzen, um die Laderäume zu reinigen und hatten gerade die Luken geöffnet, als ein großer, schwarzer Wagen vorfuhr, aus dem Männer mit „Bowler“-Hüten stiegen: Gewerkschaftsbosse. Sie sahen uns kurz zu. Dann rief einer von ihnen scharf: „Work stops now!“ Sie waren die Herrscher im Hafen.

Die Geschichte ist stark gekürzt. Das Original ist erschienen in WELLENBRECHER, unserem Klassiker vom Meer. 25 alte Kapitäne erzählen darin ihre besten Geschichten: von Stürmen, Piraten, Rotlicht und einer Romantik, die es heute so nicht mehr gibt.

 

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