Maschinist der Seenotretter: Meine schwersten 96 Stunden

Axel Berg ist ein erfahrener Seemann und Maschinist der Seenotretter. Am 8. November 2006 beginnt ein Einsatz, der ihn persönlich treffen wird. MEINE SCHWERSTEN 96 STUNDEN heißt seine Geschichte. Ein exklusiver Auszug aus unserem Buch MAYDAY, mit dem wir Deutschlands Seenotrettern ein Denkmal setzen wollen.

Aufgeschrieben von Stefan Kruecken, Ankerherz

“Vor meiner Zeit als Seenotretter bin ich als Maschinist auf Handelsschiffen gefahren, auf einer Linie nach Westafrika. Lagos, Duala, Takuradi, Conakry gehörten zu den Häfen. Wenn ich das erzähle, schauen mich manche erstaunt an und sagen: „Oha, war das nicht gefährlich?“ Die Häfen Westafrikas hatten noch nie den besten Ruf, wegen der hohen Kriminalität, wegen der Piraten. Ich habe auch mal eine Leiche vorbei treiben sehen, mit gefesselten Händen, das ist wahr. Doch ich habe mich nie unsicher gefühlt, auch nicht in den Gegenden, die wir aus mitteleuropäischer Sicht als „Slum“ bezeichnen. Man geht ja nicht mit einer goldenen Uhr spazieren, sondern bewegt sich unauffällig, mit T-Shirt und Schlappen. Dann passiert einem nichts.

Ich war jung und kam aus Brake an der Unterweser. Ein Moloch wie Lagos war nicht nur eine neue Erfahrung für mich, das war wie eine Reise auf einen anderen Planeten. Ich habe es genossen, und ich mag die Mentalität der Menschen in Afrika: Die haben wenig, aber die sind immer gut drauf. Es wird viel gelacht, auch wenn die Lage für einen Fremden deprimierend erscheinen mag. Und die Handwerker bekommen Dinge geregelt, mit simplen Methoden und Werkzeugen. Irgendwie kriegen sie es hin, jede Reparatur, jedes Problem.

Als Seefahrt Abenteuer war

Zu jener Zeit bot die Seefahrt wegen der längeren Liegezeiten noch die Chancen auf echtes Abenteuer. Wir sind als Crew oft mit dem Schlauchboot an den Strand gefahren und haben ein BBQ gemacht. Auf dem Fluss nach Port Harcourt, Nigeria, hatten wir eine Stammkneipe. Die Einheimischen holten uns mit Einbäumen von Bord ab,und wir tranken eiskaltes Bier. Die Kinder im Dorf freuten sich besonders auf uns, denn wir hatten Süßigkeiten eingesteckt.

Mayday – das Hörbuch der Seenotretter.

 

Was ich aus diesen Jahren für mich mitgenommen habe: Eine gewisse Genügsamkeit. Ich habe verstanden, wie gut es uns doch geht. Welchen Wert es hat, dass frisches Wasser aus dem Hahn läuft. Dass es einen Bäcker gibt, bei dem ich mir morgens ein Brötchen kaufen kann. Dass die Straßen befahrbar sind und eine Straßenbahn nicht nur pünktlich, sondern überhaupt kommt. Diese Kleinigkeiten sind kostbar, doch wir haben verlernt, sie zu schätzen. Wenn diese Dinge normal werden, fängt diese Nörgelei an, aus einer Sattheit heraus. Bei uns in Deutschland ist diese latente Unzufriedenheit extrem ausgebildet, was ich sehr bedauere und mich ratlos macht. Ich kann nicht verstehen, wieso das so ist. (…)

Maschinist in Cuxhaven

2003 bewarb ich mich bei den Seenotrettern und bekam die Stelle als Maschinist, Station Cuxhaven. Ich mag meinen Beruf. Er macht Sinn und ich mag die Abwechslung. Bei schlechtem Wetter auszulaufen: keine Problem. Ich weiß ja, dass der Vormann Ahnung hat und wir das bestmögliche Material fahren. Seekrank wurde ich noch nie, auch nicht bei Beaufort elf oder zwölf, wenn wir ganz schön durchgeschüttelt werden. Was also soll uns schon passieren? Sich über Stunden festhalten zu müssen, das nervt. Doch Angst hatte ich noch nie. Ich denke, dann sollte man den Job auch nicht machen. Angst lähmt. Ich mag die Routine an Bord, die kleinen Dinge, die Abläufe. Als Leitender Maschinist kümmere ich mich in erster Linie um die Motoren und die Technik; im Einsatz bin ich auch fürdie Ausrüstung zuständig. Im Einsatz packen immer alle mit an. Wir bilden uns ständig weiter, was mir gefällt. Ich habe medizinische Grundkenntnisse und weiß heute auch, wie ich den Kahn im Zweifel selbst in den nächsten Hafen lenke. (…)

Wir erleben natürlich auch ernste Dinge, und die zwei Einsätze, die mir besonders im Gedächtnis bleiben, ereigneten sich innerhalb von vier Tagen. Es waren die schwersten 96 Stunden meiner Laufbahn.

Notruf von der Mittelplate

Zunächst gab es einen Notruf von der Mittelplate, dem größten Ölfeld Deutschlands, vor der Küste von Dithmarschen. Arbeitsunfall! Ein Mann war zwischen Ponton und Schiff gefallen und hatte schwerste Quetschungen und Brüche erlitten. Wir rasten mit einem Arzt zur Unglücksstelle. Der Mediziner legte zunächst eine Betäubung, denn das Unfallopfer schrie wegen der furchtbaren Schmerzen. Nachdem der Patient stabilisiert war, flog man ihn mit einem Helikopter aus. Er überlebte trotz seiner schweren Verletzungen, verbrachte aber einige Monate im Krankenhaus.

Wenige Stunden später ereignete sich dann ein Unglück, das mir nahe ging. 8. November 2006, ein Mittwoch. Mich beschäftigte es lange, weil ich die Personen, die darunter litten, persönlich kannte. Als junger Auszubildender hatte ich in einer kleinen Werft in Brake an der Unterweser gelernt. Zu den Stammkunden gehörte eine Fischerfamilie, die ihre Kutter reparieren und warten ließ. Eine tolle Familie, die ihre Schiffe immer tadellos pflegte, sehr sozial eingestellte Leute. Als ich über Funk hörte, dass es ihr Kutter war, den man vergeblich rief, mit ihrem Sohn an Bord, war es ein beklemmendes Gefühl.

Der Kutter Hoheweg

Die „Hoheweg“, 23 Meter lang, hatte mit vier Mann Besatzung in Brake abgelegt. Es sollte in die Ostsee gehen, Restquote abfischen, Dorsch. Das Schiff war schon unterwegs Richtung Nordsee, als es zurückgerufen wurde, weil das Schwesterschiff, die „Rote Sand“, einen Maschinenschaden meldete. Die „Rote Sand“ kannte ich gut, auf dem Schiff hatte ich in der Werft gearbeitet. Durch die Verzögerung war die „Hoheweg“ verspätet in Bremerhaven angekommen und in einen Sturm geraten, der in dieser Nacht über den Norden zog. Ein bitterer Gedanke: Wäre alles planmäßig gelaufen, dann wäre der Kutter längst im Nordostseekanal gewesen, als der Wind zunahm.

Unser Vormann Jörg Bünting, den man wegen seiner mächtigen Erscheinung in Cuxhaven nur den „Elbkönig“ nannte, hatte so ein Gefühl gehabt. „Die rufen die ganze Zeit einen Fischkutter, der nicht antwortet“, meinte er zu uns. „Wir laufen mal in diese Richtung.“

Um 20:41 Uhr war das Signal der Rettungsboje eingegangen, doch erst zwanzig Minuten später die Position 53° 55,2’Nord, 008° 06,1′ Ost, das liegt auf den  Nordergründen.  Das Seegebiet zwischen Weser- und Elbmündung gilt abseits der Fahrrinne als tückisch,wegen der vielen Untiefen. Im Sturm können sich kurze und steile Wellen aufschaukeln. Auch gefährliche Grundseen sind möglich, deren Wellental bis auf den Meeresboden reicht. Trotzdem nutzen Kutter, Segler, Küstenmotorschiffe mit wenig Tiefgang die Nordergründe gerne als Abkürzung auf dem Weg in den Nordostseekanal.

Vier Fischer sterben

Eine große Rettungsaktion lief an, die Kreuzer von Norderney, Hooksiel, Bremerhaven, Büsum und Helgoland bekamen Befehl, auszulaufen, wir waren bereits unterwegs. Wir hofften noch auf einen Fehlalarm. Vielleicht war die Boje ins Wasser gefallen? Das Wetter war nicht gut, aber auch nicht so schlecht, dass man sich um einen Hochseekutter Sorgen machen musste.

Doch dann, exakt um 22:41 Uhr, war uns klar, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. Die See war schon „kabblig“, wie wir sagen, Windstärke sechs bis sieben, der Schwell nahm zu. Wir saßen oben auf dem Fahrstand, angeschnallt in den Stühlen, als wir Dieselöl rochen. So intensiv, dass ich in die Maschine ging, um nachzusehen, ob es irgendwo ein Leck gab. Das Dieselöl trieb auf dem Wasser und der Gestank hing über der See. Vom Kutter aber keine Spur. Ein Scheißgefühl. Wenig später entdeckten wir die Notfunkbake im Lichtkegel unseres Scheinwerfers.

Der Schauspieler Till Demtrøder Demtröder Demtroeder stellte in der Haifisch Bar in Hamburg-Altona sein Hörbuch MAYDAY vor.

 

Wir haben noch die ganze Nacht und den nächsten Tag gesucht, sind immer wieder hin und hergefahren, doch mit jeder Stunde nahm die Hoffnung ab. Den Kutter fand ein Wrackortungsschiff einige Wochen später. Experten gehen davon aus, dass eine große Grundsee den Kutter zum Kentern brachte. Es muss sehr schnell gewesen sein, denn die Fischer konnten nicht mal einen Notruf absetzen.

Vier Fischer verloren in dieser Nacht ihr Leben. Den jungen Kapitän, er hieß Sven, kannte ich, ich habe ihn als kleinen Jungen oft in der Werft gesehen. Außerdem war ein Vater von zwei kleinen Mädchen an Bord.Der jüngste Fischer war gerade 18 Jahre alt, ein Lehrling, es sollte seine letzte Fahrt sein, bevor er sich mit seinem Vater selbständig machte. Unser Seenotkreuzer barg seine Leiche mehrere Monate später. Was die Familien durchgemacht haben, ist kaum vorstellbar.

Zur Person: Axel Berg, Jahrgang 1965, kam in Brake auf die Welt. Er stammt aus einer Seemannsfamilie, sein Vater fuhr als Bootsmann. Sein Bruder arbeitet beim Wasserschutzpolizei, als „Entensheriff“, wie Berg witzelt. Seit 2003 fährt er in Diensten der Seenotretter, stationiert in Cuxhaven. Berg ist ein großer Eishockey-Fan der „Fischtown Pinguins“. Er ist verheiratet und lebt mit seiner Frau und einem Sohn in Bremerhaven.

Mayday, das Buch der Seenotretter. Erschienen bei Ankerherz.

MAYDAY, das Buch der Seenotretter, gibt es überall im Buchhandel und hier im Onlinebuchladen von Ankerherz.

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