MEER GLÜCK: Das gemütliche Tempo einer Nordseeinsel

Sechzehn Jahre lang habe ich ja auf der Nordseeinsel Juist gelebt – dem ostfriesischen Bullerbü in der Nordsee. Auf dem beschaulichen Sandhaufen, den man gemächlichen Schrittes mit ein bisschen Proviant im Rucksack an einem Tag umrunden kann, ticken die Uhren nicht nur sprichwörtlich anders. Man spricht auf der Insel davon, dass sie Besucher „entschleunigt“.

Tja, und wie erklärt man das?

Im Grunde genommen lässt es sich am besten mit dem Vergleich zum Festlandleben, welches mich seit Juli ja wieder hat, definieren. Hier ist man auf Schnelligkeit bedacht. Das Auto bringt einen mit Navi auf der schnellsten Route von A nach B und je nach Autobahn muss man dabei noch nicht mal über ein Tempolimit nachdenken. Auch die Wochenendbrötchen sind mithilfe der vier Räder fix geholt. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln bin ich zum Beispiel nun in etwa einer halben Stunde mitten in Hamburg. Dort hetzen Menschen durch die Straßen.

 

Rushhour auf Juist.

Das gemütliche Tempo einer Nordseeinsel

Auf Juist braucht man bereits bei der Anreise Geduld und Zeit. Hat man noch keine Fahrkarte für die Fährüberfahrt, so stellt man sich in die lange Schlange des einzigen Verkaufsschalters der Reederei und kann die Entdeckung der norddeutschen Langsamkeit genießen. Mit wachsender Unruhe und der Frage, ob man das Schiff denn wohl bei diesem Tempo auch erreichen wird.

Auch die Fähre selber braucht gefühlte Stunden – obwohl man Juist schon früh sehen kann. Durch die komplizierte Fahrrinne, der dazu eine natürliche Verschlickung droht, hat man eher das Gefühl, der Kapitän navigiert einen hin und her, vor und zurück und hat dann nochmal einen Umweg genommen – oder auch zwei.

Schon an Bord kann man draußen an Deck das erste Mal dieses besondere Gefühl der Ruhe in sich spüren: es senkt sich vom Kopf über den Oberkörper in den Bauch ab. Der Atem wird langsamer, der Blick ruht auf dem Horizont und Gedanken werden wie Flaschenpost über Bord geschmissen.

Kein Stress, keine Hektik, nur Insel

Und spätestens, wenn man den ersten Fuß auf den auf Sand gebauten Hafenboden setzt und die dösenden Kutschpferde sieht, die vor den Inseltaxen ihre Pause bestens ausnutzen, setzt diese Ruhe ein. Wenn man den ersten müden Schrei einer vom Beutefang erledigten Möwe hört und mit seinem Gepäck ganz gemächlich ins Juister Dorf zockelt, dann hat man Stress, Alltagssorgen und Hektik wie auf Knopfdruck ausgeschaltet.

Während man auf der Insel ist, scheinen die Tage mehr Stunden als normal zu haben. Was vielleicht auch daran liegt, dass man versucht, jede Minute ganz bewusst zu erleben und mit allem ganz im Augenblick verweilt. Man grübelt nicht über die Zukunft, ärgert sich nicht über Vergangenes – sondern man freut sich am Jetzt und am Hier – am Meer-Glück. Das gemütliche Tempo einer Nordseeinsel.

Im Alltag sieht es anders aus

Verbringt man seinen Alltag auf Juist, dann kehrt dieser natürlich auch irgendwann wirklich ein: Auch ich kenne aus den vergangenen Jahren durchaus stressige Tage. Zumal als alleinerziehende Mama mit drei Jobs. Umso schöner wird es jetzt in der ersten Herbstferienwoche sein, wo ich mit meinen Kindern natürlich nach Juist fahre und diese Insel zum ersten Mal wieder als Gast und nicht als Insulanerin erlebe. Ich werde darüber berichten, versprochen!

Uta Jentjens.

UTA JENTJENS, JAHRGANG 1974, LEBTE 16 JAHRE LANG AUF DER INSEL JUIST. HEUTE WOHNT SIE MIT IHREN BEIDEN KINDERN IM SÜDEN VON HAMBURG.  IM ANKERHERZ-BLOG MEER GLÜCK SCHREIBT SIE ÜBER IHR LEBEN MIT UND OHNE DIE NORDSEE.

0 comments