MEER GLÜCK: Die kleine Insel-Disko Zappel.

Die Erste aus unserer Familie, die Juist besuchte und damit die Türe zu unserem persönlichen „Meer-Glück“ und zu einer großen Liebe öffnete, war meine Mutter. Das war Mitte der 60er Jahre – sie war noch unverheiratet und begleitete ihre ebenfalls ledige Tante.  Damals gab es auf der Insel natürlich viel weniger Häuser, auch noch keine gepflasterten Straßen. Man lief über Sandwege und sah keine schicken Boutiquen, sondern kleine Tante Emma-Läden.

Und zwei Fotogeschäfte, “Foto Brunke” und “Foto Rhenania”, an die ich mich aus meinen ersten Urlauben erinnere. Ein Fotograf stand immer am Hafen und hat die ankommenden Familien geknipst. Nach ein paar Tagen konnte man das Bild in der Auslage des betreffenden Schaufensters sehen und kaufen.

Abendsonne am Hafen von Juist.

Meer Glück: Früher war nicht alles besser

Ich bin keine Freundin des Klischee-Satzes „Früher war alles besser!“. Doch die Insel meiner Kindheit hat sich in den Jahren doch sehr verändert. Ganz besonders in den letzten Monaten, in denen ich auf der Insel gelebt habe.

Der Kern von Juist – oder die Seele, wenn man so etwas einem Ort wirklich zuordnen möchte, was bei dieser Insel leicht fällt – ist gleich geblieben und wird sich wohl auch nie ändern. Aber es ist in der letzten Zeit viel saniert, gebaut, aufgestockt und modernisiert worden. Und wie in der Medizin gilt auch hier: Nicht jede Schönheitsoperation gelingt.

 

 

Natürlich ist diese Gratwanderung nicht einfach. Ein touristischer Ort, der von Generation zu Generation weiter besucht wird und an dem so viele Erinnerungen hängen, soll in den Augen dieser Stammgäste am besten immer gleich bleiben. Auf der anderen Seite verlangen aber genau diese Gäste auch, dass die Insel ihren Ansprüchen, die sie im Alltag gewohnt sind, genügt. Wie also bleibt man sich treu und geht gleichzeitig mit der Zeit?

Ein schwieriger Spagat für die Insel Juist

Leider hat Juist diesen schwierigen Spagat meiner Meinung nach oftmals nicht sehr glücklich geschafft. Vieles liebgewonnen Vertraute ist mit der Zeit verloren gegangen. Ich sehe nur noch an einigen Stellen auf Juist die Insel meiner Kindheit.  An die erinnere ich mich so gerne. An den fahrbaren Wagen des hiesigen Fischhändlers. Nachmittag stand er immer vor dem Rathaus und verkaufte Makrelen, Schollen, Fischbrötchen und Krabben.

 

An Alfred, den alten Wattführer, der zuletzt beide Beine verlor und mit seinem Rollstuhl und einem Megaphon durchs Dorf schob, um die neusten Nachrichten der Insel zu verlesen. Mit stets dem gleichen Witz: „Morgen werden es auf Juist 40 Grad… 20 auf der Nord- und 20 auf der Südseite.“

Die kleine Insel-Disko hieß Zappel

Und für mich als Jugendliche das Größte: die kleine Disko „Zappel“ auf der Strandpromenade. Es war darin so dunkel, dass man kaum erkennen konnte, wen man beim Klammerblues anrempelte. Auf den DJ war Verlass. Er spielte immer dieselben Lieder in ähnlicher Folge.

All dies und viel mehr gehört halt leider der Vergangenheit an – aber die kann man nun mal nicht festhalten. Und es ist auch nicht so, dass die Insel heute nur von ihren Erinnerungen lebt. Das Meer-Glück ist immer noch spürbar. Es ist anders, aber es ist da.

 

UTA JENTJENS, JAHRGANG 1974, LEBTE 16 JAHRE LANG AUF DER INSEL JUIST. HEUTE WOHNT SIE MIT IHREN BEIDEN KINDERN IM SÜDEN VON HAMBURG. AB SOFORT SCHREIBT SIE IM ANKERHERZ-BLOG MEER GLÜCK ÜBER IHR LEBEN MIT UND OHNE DIE NORDSEE.

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