MEER GLÜCK: So schön ist der Herbst an der Nordsee

Auch wenn ich als Sonnenkind die wärmere Zeit des Jahres deutlich bevorzuge, muss ich auch zugeben: der Herbst an der Nordsee hat absolut schöne Seiten. Es ist ja mehr so die Zeit der Extremen: Auf der einen Seite komplettes Durchpusten lassen von Wind und Wetter, nass bis auf die Knochen werden und wieder mal begreifen, dass es tausend verschiedene Grau-Töne gibt. Und auf der anderen Seite gemütliche, warme Stunden auf dem Sofa mit gutem Lesestoff und Heißgetränk auf dem Schoß.

Herbst an der Nordsee

Noch bewusster nimmt man den Herbst auf einer Nordseeinsel wahr. Einer meiner Lieblingsplätze – gerade an kühleren Tagen, wo der Strand fast menschenleer ist und die Nordsee sich selber überlassen wild und unberechenbar Wellen ans Land wirft. Wo der Himmel so schwer und tief über dem Wasser hängt, dass man den Übergang zwischen den Elementen kaum noch erkennen kann. Wo man bei den Möwen nur Lippen bzw. Schnäbel lesen betreiben kann, weil der Wind ihr Rufen mit raus aufs Meer nimmt und wo man sich mit klammen Fingern am Holzgeländer festhält, die Kälte zupft an den nassen Klamotten und wenn es auch um einen herum tobt, braust und zischt: man selber wird mal ganz ruhig.

Der Herbst in der Nordsee

Keine Leuchtreklame stört den Blick, der Handyton wird sowieso verschluckt und nichts lenkt einen ab – es gibt nichts zu bedenken, nichts zu überlegen. Man muss einfach nur stehen, die Augen aufs Meer an den Horizont schicken und sein. Mehr wird nicht verlangt, die Natur macht sowieso den Rest.

Den Begriff des „Indian summer“ habe ich auch erst wirklich begriffen, seit ich auf Juist gelebt habe. Denn nicht nur der nordamerikanische Kontinent kann zu dieser Jahreszeit mit Farben aufwarten, die man in keinem Tuschkasten so mischen kann. Auch die Insel hat im September und Oktober Tage, wo die Sonne so golden vom Meer zurückgeworfen wird, dass jeder Dünengrashalm und jedes Sandkorn zu glitzern scheinen.

Selbst die Luft scheint in solchen Momenten erfüllt von warmen Farben zu sein. In den Tälern der Dünen hat sich der Morgennebel gesammelt und scheint im grauen Sand auf bessere Zeiten zu warten. Die Möwen segeln träge über die Insel und lassen sich vom Wind weiter tragen. Und der Himmel wetteifert mit den Sanddornbüschen, wer das leuchtendere Orange hinbekommt.

Man kann es mit Schönheit der Melancholie umschreiben. Mit einem süßen Schmerz wie nach einem Abschied. Mit der Sehnsucht einer entgegenkommenden Liebe, mit der man aber noch kaum umzugehen weiß.

Mit Meer-Glück, welches man sich verdienen kann, wenn man im Augenblick lebt.

Uta Jentjens.

UTA JENTJENS, JAHRGANG 1974, LEBTE 16 JAHRE LANG AUF DER INSEL JUIST. HEUTE WOHNT SIE MIT IHREN BEIDEN KINDERN IM SÜDEN VON HAMBURG.  IM ANKERHERZ-BLOG MEER GLÜCK SCHREIBT SI ÜBER IHR LEBEN MIT UND OHNE DIE NORDSEE.

Lesestoff für die Couch & gemütliche Abende im Herbst: MAYDAY – das Buch über die Seenotretter. Schaut es Euch hier an!

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