MEER GLÜCK: Im Sturm auf meiner Nordseeinsel

Der erste Herbststurm erwischt uns in diesem Jahr ganz schön früh. Orkantief „Sebastian“ kommt mit viel Regen, hohen Wellen und ordentlich Wind über die Küste und die Inseln davor. Ich habe die Unwetterwarnungen immer mal mit einem Auge im Blick gehabt, denn ein solches Wetter löst in mir einiges Unbehagen und Flut von Erinnerungen aus. 16 Jahre habe ich auf der Nordseeinsel Juist gelebt – und in dieser Zeit mit dem Thema Orkan manche Erfahrung gemacht.

Juist hatte seit seiner Entstehung schon so einige stürmische Bewährungsproben zu überstehen – und nicht allen konnte die Insel standhalten. Durch die Jahrhunderte hinweg kam es immer wieder zu erheblichen Zerstörungen. Die beiden schlimmsten Unwetter des vergangenen Jahrtausends waren die Petriflut 1651, bei der Juist in zwei Hälften zerteilt wurde und die Weihnachtsflut 1717. Ich kenne von dieser die traurige Geschichte, dass die Menschen des einen Dorfes zu den Feiertagen ihre Familien im Nachbarort besuchen wollten und sich im Sturm aufmachten – diese Familienmitglieder standen zur Begrüßung schon auf einer hohen Düne und mussten mit ansehen, wie 28 Verwandte und Freunde von einer großen Flutwelle mitgerissen wurden und ertranken.

Stürme brachten Leid über die Insel

Ich selber habe die schlimmen Stürme Christian, Xaver und Kyrill 2013/2014 auf Juist mitgemacht und muss sagen: So etwas hab ich noch nie erlebt – auch einige Juister sagten mir damals, dass sie so einen Sturm wie Christian am hellichten Tag auf der Insel noch nie gehabt hätten. Teilweise wurden Böen von über 170 km/h auf der Insel gemessen – der absolute Wahnsinn!

Das hab ich mir auch gedacht, denn ich war mit meinen Kindern an diesem Tag leider mittendrin – die mussten zu der Zeit von der Schule abgeholt werden. Da aber selbst ich als erwachsene Frau mit schweren Knochen und mit Fahrrad an der Hand tatsächlich das Gefühl hatte, vom Boden abzuheben und um uns die Dachziegeln der umliegenden Häuser nur so um die Ohren geflogen sind, haben wir die Fahrräder irgendwo hingeschmissen und bin mit den Kindern an der Hand zu einer Freundin in der Nähe gegangen. Mit aller Kraft mussten wir uns damals gegen diese Wand aus Wind stemmen – ich hab in den Minuten bis zum sicheren Hauseingang, die sich wie Stunden angefühlt haben, echt Schiss um unser Leben gehabt.

Respekt vor der Kraft der Natur

Noch Tage später gab es kein anderes Gesprächsthema und die meist gestellte Frage war: “Und, was ist bei Dir alles kaputt gegangen?” Denn es gab wohl kein einziges Haus auf ganz Juist, an dem nicht irgendwas zerbrochen, zerstört oder schlicht und ergreifend weg war. Ganze Strandkörbe hatte es vom Balkon gefegt, Schuppen waren abgehoben, fast jedes Dach hatte Ziegeln verloren, ganze Bäume waren entwurzelt, Äste abgerissen, Gärten verwüstet, am Flugplatz waren zwei teure Flugzeuge umgekippt und Boote im Hafen zerstört worden, Fahnenmasten waren wie Streichhölzer gebrochen – alles, was nicht niet- und nagelfest stand, ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Die Aufräumarbeiten waren damals gefühlt gerade beendet, da kam dann auch schon Orkan Xaver, der zwar nicht ganz so viel Wind mitgebracht hat – diesen aber aus einer sehr ungünstigen Richtung nach Juist schickte, was eine schlimme Sturmflut mit sich brachte.

Nach diesen Erfahrungen auf Juist kann man mich im Prinzip sturmerprobt nennen. Aber ich spüre auch, dass die Erinnerungen auch Spuren hinterlassen haben: Vor solch stürmischen Wetter habe ich gehörigen Respekt.

 

UTA JENTJENS, JAHRGANG 1974, LEBTE 16 JAHRE LANG AUF DER INSEL JUIST. HEUTE WOHNT SIE MIT IHREN BEIDEN KINDERN IM SÜDEN VON HAMBURG. AB SOFORT SCHREIBT SIE IM ANKERHERZ-BLOG MEER GLÜCK ÜBER IHR LEBEN MIT UND OHNE DIE NORDSEE.

MEHR INSELGESCHICHTEN (AUCH VOM STURM) LEST IHR IN INSELSTOLZ – JEDE DEUTSCHE NORDSEEINSEL VON BORKUM BIS SYLT IST MIT EINER GESCHICHTE VERTRETEN. ÜBERALL IM BUCHHANDEL UND NATÜRLICH (VERSANDKOSTENFREI) BEI UNS IM SHOP.

0 comments