MEER GLÜCK: Kindheitserinnerungen an meine liebste Insel

Die Nordseeinsel Juist begleitet mich schon mein komplettes Leben lang. Nicht nur, dass ich dort entstanden bin, wie meine Mutter glaubhaft behauptet: Bevor ich 2001 ganz auf die Insel übersiedelte, habe ich als Kind dort jedes Jahr die Hälfte meiner Sommerferien verbracht. Drei Wochen Juist, das war Pflicht.

Ein einziges Mal haben meine Eltern es gewagt und wollten endlich mal etwas Neues ausprobieren: die Lüneburger Heide ist an sich ein schönes Fleckchen Erde. Mein Bruder und ich haben trotzdem drei Wochen lang gemault, weil wir auf „unsere Insel“ wollten. Das war meiner Mutter und meinem Vater eine Lehre.

Kindheitserinnerungen an Juist

Und an sich war das ja für sie jedes mal der erholsamste Urlaub, den man sich überhaupt vorstellen kann. Okay, die Anreise war bis Mitte der 80er Jahre fast noch mühseliger und Etappen-reicher als heute.  Mit unserem nicht gerade schnellen orangefarbenen VW-Käfer, der mit Sicherheit derbe überladen war, rollten wir auf den Straßen Richtung Norden. Die A31 war noch nicht komplett ausgebaut; man musste Teilstrecken auf Landstraßen hinter sich bringen. Und war man endlich auf der Fähre, dann hieß es mitten auf dem Wattenmeer nochmal umsteigen: bis 1982 gab es nach Juist nämlich eine eingleisige motorbetriebene Inselbahn, die auf Gleisen fuhr, welche auf Stelzen im Wasser verliefen.

Ich weiß noch, dass man eben durch die Planken auf die salzigen Wellen schauen konnte und es hatte für mich als Kind immer etwas Faszinierendes, ein wenig Unheimliches und auf jeden Fall Spannendes.  Nachdem der ortsnahe Hafen aus wirtschaftlichen Gründen dann gebaut worden war, fiel die Inselbahn weg, was die Reise zur Insel ein kleines bisschen komfortabler machte – aber damit war eben leider auch ein großes Stück Besonderheit verschwunden.

Den Geruch noch in der Nase

Auf der Insel selber haben wir jedes Jahr in der gleichen Ferienwohnung gewohnt – ich hab noch genau den Geruch der Räume in der Nase, ich könnte die ziemlich kitschigen Dekorationsstücke wie Plastikblumen in Gold bemalten Vasen oder fliegende Holzgänse an den Wänden sofort nachzeichnen. Meine Kindheitserinnerungen. Und weiß noch genau, wie wir jeden Sommer in das nie benutzte Wohnzimmer der Wohnung gestürmt sind, um nachzuschauen, ob der Fernseher – hübsch versteckt in einem Mahagoni-Schrank – wohl repariert oder gar erneuert worden war. War er nie: die kompletten Jahre meiner Sommerferien auf Juist waren wir quasi von der Außenwelt abgeschnitten, denn ein Radio gab es auch nicht.

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Sowieso war die Wohnung ziemlich spartanisch: sie lag im Keller. Ein Raum davon gehörte schon mal der Heizung, die beiden Schlafzimmer mit jeweils zwei Einzelbetten und wilder Blumen-Tapete waren mit einem Waschbecken versehen. Da wusch man sich den Sand aus den Haaren und aus den Hautporen – denn ein Badezimmer gab es nicht, nur einen kleinen Raum mit einer Toilette neben der tickenden Heizung.

Hässlich, kitschig, ungemütlich: das Paradies!

Handys existierten damals sowieso noch nicht – und auch kein eigenen Festnetzanschluss in dieser Wohnung. Wenn meine Oma uns anrufen wollte, um zu hören, ob alles in Ordnung sei, musste sie bei dem Vermieter-Ehepaar (sie in weißer Schürze und mit aufgedrehtem, braun gefärbtem Haar, er mit stets derselben dunklen Cord-Hose und lauter Stimme) anrufen. Das Vermieter-Eheparr rief dann die Treppe in den Keller runter. Mein Vater ging dann in die obere Etage und kam mit Grüßen aus dem anderen Leben zurück.

Es war hässlich, es war kitschig und ungemütlich. Und: Es war das Paradies! Meine komplette Familie hat diese Wohnung geliebt und verbindet damit das große Glück, den langen Sommer am Meer verbringen zu dürfen.

 

UTA JENTJENS, JAHRGANG 1974, LEBTE 16 JAHRE LANG AUF DER INSEL JUIST. HEUTE WOHNT SIE MIT IHREN BEIDEN KINDERN IM SÜDEN VON HAMBURG. AB SOFORT SCHREIBT SIE IM ANKERHERZ-BLOG MEER GLÜCK ÜBER IHR LEBEN MIT UND OHNE DIE NORDSEE.

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