MEER GLÜCK: Null PS. Eine Insel im Fahrrad-Tempo

Wenn ich in die Garage meines neuen Zuhauses betrete, in das wir vor ein paar Wochen eingezogen sind, bekomme ich fast jedes Mal ein schlechtes Gewissen. Denn in der Ecke hinten rechts steht mein Fahrrad. Es  setzt schon Spinnweben an.

Als ich noch auf der Insel gelebt habe, war dies mein hauptsächliches Verkehrsmittel. Denn auf der autofreien Insel gibt es eben nur diese Möglichkeiten mit drehendem Unterbau: Kutsche oder Fahrrad. Meins ist dazu auch nicht einfach nur ein x-beliebiger Drahtesel: meine türkisblaue Gazelle habe ich mir zum 40. Geburtstag selber geschenkt und nett aufgemotzt mit kleinen Blümchen in den Speichen, schönen Taschen am Gepäckträger und Lenker-Vase, die passend zu den jeweiligen Jahreszeiten mit Blumen versehen wird.

Auf der Insel bekannt: das “Uta-Fahrrad”

Damit bin ich aufgefallen und jeder Juister und wohl die meisten Gäste kannten das “Uta-Fahrrad”. Zumal ich damit ja auch jeden Tag – egal bei welchem Wetter – über die Insel gefahren bin. Machen die Insulaner natürlich fast alle: Ich kenne einige, die ich noch nie ohne Sattel unterm Hintern gesehen habe. Ob die auch mit ihrem Fahrrad ins Bett oder unter die Dusche fahren?

Dabei kommen mir im Zusammenhang mit meiner Gazelle nicht nur schöne Erinnerungen: an einem Morgen waren die Straßen noch nass vom nächtlichen Regen und die roten Steine, mit denen diese üblicherweise gepflastert sind, werden dann immer gefährlich rutschig. Ich bin einen recht steilen Dünenweg runter und bin ohne bremsen in eine Kurve gegangen. Mein Fahrrad hat es komplett raus gehauen und ich bin ein paar Meter geflogen. Die Prellungen, die ich mir dabei zugezogen habe, waren gar nicht das Problem: Ich hab mich so derbe erschrocken, dass ich ohnmächtig wieder zu Boden ging, als ich mich hoch rappelte.

Seit dem Unfall fährt der Schrecken mit

Seitdem fahre ich ganz anders Fahrrad – der Schrecken fährt immer noch mit. Und dass ich dabei jetzt hier auf dem Festland noch mit ganz anderen Dingen wie Autos, stark befahrene Straßen überqueren oder anderen Verkehrsregeln konfrontiert bin, macht die Sache ja nicht besser.

Dennoch habe ich mir vorgenommen, jetzt wieder öfter mein Fahrrad anstelle des gerade gekauften Autos zu wählen. Was mir ganz sicher nicht fehlt, ist das Fahrrad fahren bei Gegenwind, der auf Juist gefühlt wirklich aus allen Richtungen zu kommen scheint. Was habe ich da schon gestrampelt und die meiste Energie dabei fürs Motzen  verschwendet.

Ich vermisse es jedoch, mit den eigenen Beinen das Tempo vorzugeben, den Anblick meiner vom Fahrtwind völlig aufgelösten Frisur. Auf dem Fahrrad nimmt man seine Umgebung eben unmittelbarer wahr. Und ich verbinde mit dem Treten in zwei Pedale eben einfach Heimat und Meer-Glück.

UTA JENTJENS, JAHRGANG 1974, LEBTE 16 JAHRE LANG AUF DER INSEL JUIST. HEUTE WOHNT SIE MIT IHREN BEIDEN KINDERN IM SÜDEN VON HAMBURG. AB SOFORT SCHREIBT SIE IM ANKERHERZ-BLOG MEER GLÜCK ÜBER IHR LEBEN MIT UND OHNE DIE NORDSEE.

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