MEER GLÜCK: Wenn es Herbst wird auf der Insel

Der Sommer fiel wohl dieses Jahr auf einen Mittwoch. Ich habe ihn jedenfalls verpasst, was auch daran lag, dass ich im Juli von der Nordseeinsel Juist in den Süden Hamburgs gezogen bin. 16 Jahre in Kartons, Taschen und Container zu packen – das hat ganz schön viel Zeit und Logistik erfordert.

In all den Inseljahren war mir gar nicht mehr bewusst, wie schnell der Wechsel der Jahreszeiten auf dem Festland abläuft. Letzte Woche ist mir fast schwindelig geworden, denn gefühlt war es innerhalb von zwei Stunden plötzlich Herbst. Als hätte man einen Schalter umgelegt. Die Bäume begannen damit, ihre Blätter bunt zu färben, die Luft wurde wie auf einen Schlag kühl und feucht und es war einem einfach klar: das war es jetzt mit Flip Flops, Sonnencreme und Sommerhits im Radio.

Herbstzeichen auf der Insel: die Touristen hauen ab

Auf der Insel passiert dieser Wechsel schleichender. Zwar gibt es dort auch so gravierende Umbruchtage – darüber hatte ich ja schon erzählt: wenn nämlich die letzte Fähre am letzten Ferientag von Juist ablegt und den Großteil der Gäste im Bauch mit sich davon trägt. Die Insel also innerhalb von Minuten deutlich und sichtbar leerer wird.

Aber der Jahreswechsel-Übergang geschieht auf Juist dann eben ganz langsam. Zum einen gibt es natürlich einfach gar nicht so viele Bäume, an denen man die Zeit des Jahres ja immer ganz gut ablesen kann. Durch die extremeren Wetterbedingungen, den oft rauen Wind und die Inselsituation braucht die Natur einfach länger, um sich auf den Winterschlaf vorzubereiten, darein zu fallen oder im Frühling dann wieder zu erwachen.

Die Nordsee ist wie eine Barriere

Es ist ein bisschen so, als würde die Nordsee die neue Jahreszeit wie eine Barriere von der Insel so lange es geht fernhalten. Mit jeder Welle wird immer nur ein ganz kleines bisschen neue Zeit angespült und die alte mit den Erinnerungen an lange Tage im warmen Sand mitgenommen.

Ich freute mich auf den Sanddorn-Grog

Man selber hat dadurch auch viel besser und langsamer die Möglichkeit, sich auf die nächsten Wochen – also jetzt auf die Aussicht auf früh einsetzende Dunkelheit, Wollsocken auf dem Sofa und Regenspaziergänge einzustellen. Die Insel bringt es einem schonend bei, schickt kleine Herbstbotschaften und Ahnungen vom Sommer-Ende – man kann ziemlich lange dran vorbei schauen und so tun, als würde einen persönlich das nichts angehen.

Bis man nach einem langen Gang an der Wasserkante mit nassem Sand an den Schuhen, durchweichten Klamotten und kalten Knochen wieder nach Hause kommt. Wenn der Wind dann noch stundenlang in den Ohren zu sausen scheint, das einzige Mittel für innere Wärme ein Sanddorn-Grog ist und man eine salzige Kruste auf der Haut spürt, dann begreift man es: der Herbst ist auf der Insel angekommen und man prostet ihm mit der dampfenden Tasse zu.

Uta Jentjens.

UTA JENTJENS, JAHRGANG 1974, LEBTE 16 JAHRE LANG AUF DER INSEL JUIST. HEUTE WOHNT SIE MIT IHREN BEIDEN KINDERN IM SÜDEN VON HAMBURG. AB SOFORT SCHREIBT SIE IM ANKERHERZ-BLOG MEER GLÜCK ÜBER IHR LEBEN MIT UND OHNE DIE NORDSEE.

 

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