MEER GLÜCK: Zehn Wochen zurück auf dem Festland

Habe gerade mal im Kalender die Wochen gezählt. Zehn sind es. Zehn Wochen, die ich mit meinen Kindern wieder auf dem Festland wohne. Vor zehn Wochen haben wir unserem Insel-Zuhause den Rücken gekehrt.

Zehn Wochen ohne Meer, ohne durchs Dorf gehen und alle paar Meter „Moin“ sagen, weil man jeden kennt, ohne meine Fußspuren im Sand zu hinterlassen und dabei zuschauen, wie der Wind sie verweht.

Zehn Wochen ohne das Geräusch von Pferdehufen und Kutschen-Geklapper, ohne den Ruf des Austernfischers und ohne ein dickes Stück Rosinenstuten mit Butter am Ausflugsziel Domäne Bill im Westen der Insel.

Zehn Wochen ohne dieses besondere Gefühl

Zehn Wochen ohne dieses besondere Gefühl, ein ganz kleiner Teil dieser Insel zu sein, mit ihr eins zu werden und ihre oft raue Art zu verstehen.

Zehn Wochen stehen den 16 Jahren gegenüber, die wir auf der Insel gelebt, geliebt, gelernt und das Meer-Glück im Herzen getragen haben. Eine lächerlich kurze Zeit. Und doch kommt es mir  oftmals so lange her vor, dass ich zuletzt Meeresrauschen im Ohr, salzigen Wind in den Haaren und Spuren von Pferdemist an den Fahrradreifen hatte.

Ganz oft werde ich im Moment von verschiedenster Seite gefragt: „Na, habt Ihr Euch schon eingelebt?“ Das möchte die Bankkauffrau wissen, bei der ich ein neues Konto eröffne, die Lehrerin meines Sohnes beim ersten Elterngespräch, meine Freunde und Bekannte erkundigen sich darüber fast täglich und alle blicken dann in ein absolut ratloses Gesicht auf meiner Seite.

 

Ich finde diese Frage nahezu unmöglich zu beantworten – es ist eine freundlich gemeinte Erkundigung darüber, wie es einem nun nach dem großen Sprung in ein neues Leben so geht. Aber ich für meinen Teil habe darauf keine Antwort.

Wann fühlt man sich wirklich im neuen Heim zuhause? Wann verschwindet das Fremdheitsgefühl, die Ferienlager-Stimmung – wann hört die Sehnsucht nach dem Alten, Vertrauten auf – wann horcht man morgens im Bett mit noch geschlossenen Augen nicht mehr nach dem Begrüßungs-Rauschen der Nordsee vorm Fenster?

 

Ich denke und hoffe, dass ich der neuen Umgebung um mich herum wirklich eine Chance dazu gebe, sich in mein Herz zu schleichen. Denn sie gibt sich wirklich Mühe, überschüttet mich mit schönen Augenblicken, Angeboten und Zerstreuung und ist ein toller Gastgeber – aber so lange ich mich eben noch als „Gast“ fühle, bin ich ja nicht „eingelebt“.

Letztens las ich den schönen Satz: „Zuhause ist da, wo man nicht den Bauch einziehen muss.“

Dieses Gefühl von Sicherheit, Vertrauen und Selbstaufgabe im Sinne von „Ich bin so und hier darf ich auch so sein“ muss wachsen: zwischenmenschlich und eben auch zwischenörtlich. Mit der wertvollen Gewissheit, dass mich das Meer-Glück dabei niemals verlassen wird.

 

UTA JENTJENS, JAHRGANG 1974, LEBTE 16 JAHRE LANG AUF DER INSEL JUIST. HEUTE WOHNT SIE MIT IHREN BEIDEN KINDERN IM SÜDEN VON HAMBURG. AB SOFORT SCHREIBT SIE IM ANKERHERZ-BLOG MEER GLÜCK ÜBER IHR LEBEN MIT UND OHNE DIE NORDSEE.

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