Mr. Ostfriesen-T: Der Wahnsinn aus dem Maisfeld

Ich war im Matsch steckengeblieben mit meinem Fendt 936, und nichts ging mehr. Kann passieren, vor allem in diesem Jahr. Seit achtzehn Jahren arbeite ich nun als „Lohner“, also für ein Lohnunternehmen auf den Feldern von Friesland. Ich fahre Gülle oder hole die Ernte ein. Doch so viel Regen wie in diesem Jahr hatten wir selten. Das macht es nicht einfacher auf dem Acker. Vor Hooksiel hatte ich mich festgefahren und aus Langeweile ein Video gedreht, auf Plattdeutsch, so reden wir hier.

Ich sage immer: Ich bin ein waschechter Ostfriese, nur in anderer Verpackung.

Ich lud das Video bei Facebook hoch. Mein Freund Christian Uhlemann rief an und bot mir an, es auf seiner Seite Mais FM zu teilen. Ich steckte das Handy weg. Die Kollegen kamen und zogen mich raus.

Mr. Ostfriesen-T Keno Veith

Als ich das Handy wieder anmachte, blinkte es, die Nachrichten liefen und liefen und es hörte gar nicht auf. Hunderte Nachrichten, tausende Nachrichten. Und dann brach der Wahnsinn richtig los.

Ich habe in der Woche viele Anfragen und Angebote bekommen. Von Fernsehsendern, von Radiosendern, von Zeitungen. Ich soll Feste eröffnen, ich soll für Fotos posieren, auf Festen auftreten, auf Festen singen, für Fotografen posieren, für ein American Football Teams auflaufen, karitative Sachen unterstützen. Ein Lohner aus Kenia rief mich an, ein Politiker will mich treffen, ich soll bitte Autogrammkarten verschicken.

Autogrammkarten.

Als ich gestern an meinem ersten freien Tag seit Wochen zum Bäcker ging, haben mich mehrere Leute gefragt, ob sie ein Selfie mit mir machen können. Nachmittags fuhr ich zu McDonald´s. Unterwegs drückte die Blase. Doch ich konnte mich nicht in die Büsche schlagen. Leute liefen hinter mir her und fragten, ob sie ein Foto mit mir machen könnten. Ich habe dann so getan, als überprüfe ich was an meinem alten A4, das war peinlich. Nicht, dass ich beim Pinkeln fotografiert werde.

Ich bin „Lohner“ und fuhr in dieser Woche Gülle in Stummeldorf. Den Bauer, für den ich das mache, kenne ich seit vielen Jahren. Er hat mich noch nie nach einer Autogrammkarte gefragt.

Asel City, meine Heimat

Seit ich groß genug bin, um auf ein Gaspedal zu treten, sitze ich auf einem Traktor. Aufgewachsen bin auf dem Hof meiner Großeltern. In Asel, ein Dorf, knapp sechshundert Einwohner: Asel City, so haben wir es genannt. Meine Großeltern hatten knapp zwanzig Kühe, ein kleiner Hof. Ich erinnere mich gerne an meine Kindheit. An den Postboten, der in einem Golf I kam und uns Kindern immer ein Bonbon zusteckte, „Werther´s Echte“. An den Milchwagen der Molkerei, ein Hauber, ganz in Orange. An den Kohlemann. Ich weiß noch genau, als mir Opa Herbert zum ersten Mal zeigte, wie man den Ofen anfeuert. Wie man Kälber holt. Ich hatte eine traumhafte Kindheit bei ihm und Oma Waltraud.

Mein Vater war als Agrar-Ingenieur als Entwicklungshelfer nach Kamerun gegangen und hatte sich in meine Mutter verliebt. Ich kam in Wittmund zur Welt. Meine Eltern gingen mit mir zurück nach Kamerun, wo mein Vater noch arbeitete, doch ich vertrug das Klima nicht so gut.

Ein echter Ostfriese kann mit der Hitze eben nichts anfangen.

So kam ich in den ersten Jahren meines Lebens zu den Großeltern und ihren Kühen. Auch, als meine Eltern nach Ostfriesland zurückkehrten, verbrachte ich viel Zeit auf dem Hof. Ich liebe die Landwirtschaft, ich mag meine Arbeit auf dem Acker. Ich mag es, mit dem Traktor zu fahren und Platt zu schnacken. Manche haben auf Facebook geschrieben, dass es nicht ganz richtig ist.

Ist eben mein Platt.

 

# aufgeschrieben von Stefan Kruecken, Ankerherz. Fotos: Axel Martens

 

Keno Veith, Jahrgang 1981, wuchs in einem Dorf bei Wittmund in Ostfriesland auf. Er arbeitet als “Lohner” bei Carsten Meyer Lohnunternehmen. Im Ankerherz Blog „Mr. Ostfriesen-T“ erzählt er aus seinem Leben. Jeden Sonntag auf www.ankerherz.de

Den Kapuzenpullover BLUE SAILOR, den Keno Veith trägt, gibt es nur hier bei uns im Ankerherz Shop. Hier könnt Ihr ihn ansehen.

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