NORDERGRÜNDE – ein Seenotretter über die Gewalt der Nordsee

+++ SEENOTRETTUNGSKREUZER „HERMANN HELMS“ +++ FISCHKUTTER IN DER DEUTSCHEN BUCHT VERMISST +++ 9. NOVEMBER 2006 +++

NORDERGRÜNDE

Ein erfahrener Seenotretter weiß, dass akribische Vorbereitung ebenso wichtig ist wie der Respekt vor der See. Doch als der Kutter „Hoheweg“ im Sturm kentert, muss Michael Moritz wieder einmal erfahren, dass auch beides zusammen manchmal nichts ausrichten kann gegen die Gewalt der Nordsee. Exklusiver Auszug aus unserem gerade erschienenen Buch MAYDAY.

Text: Jochen Pioch. Foto Seenotretter: Enver Hirsch

“Irgendwann, nach einer halben Nacht auf den Wellen, die Hände steifgefroren, der Körper festgeleint am Laufdraht und die Augen halb blind vom Sturm, irgendwann schießt es mir durch den Kopf: Für einen Matrosen ohne Schutzanzug, der dort zwischen den Brechern treibt, müsste es jetzt schon vorbei sein. Was tun wir hier? Wir können niemanden mehr retten. Wir suchen nach Toten.

Es ist Donnerstagmorgen, der 9. November 2006, und dies ist einer der traurigsten Einsätze meines Lebens.

Der Mittwoch auf der Station in Cuxhaven beginnt ruhig, mit bedecktem Himmel und leichtem Südwestwind. Wir halten unseren Kreuzer „Hermann Helms“ sauber, spleißen Taue, schreiben Dienstpläne. Ich kümmere mich unter Deck um das Herzstück des Schiffs, drei Maschinen, zusammen 3200 PS stark. Wer mich bei der Arbeit sieht, könnte denken, mir sei langweilig: Ich peile mehrmals täglich den Ölstand, schaue in die Bilge, entferne pedantisch jeden Fleck. Ich achte aufs kleinste Detail, denn die Technik hier unten muss im Einsatz reibungslos funktionieren.

Ein Denkmal für die Seenotretter: MAYDAY.

 

Unsere Aufgabe ist es, anderen zu helfen. Wie sollen wir das tun, wenn die eigene Maschine Ärger macht? Also schaue ich auch unter den Getrieben nach: alles trocken? Kein Fleckchen?, Damit ich, wenn mal etwas ausläuft, gleich die undichte Stelle finde. Während der Tag mit Routineaufgaben vergeht, frischt das Wetter merklich auf. Abends dreht der Wind auf West und fegt mit sechs bis sieben Beaufort über die Nordsee.

Ein Kutter wird vermisst

Um 21 Uhr erreicht uns ein Funkspruch der Seenotleitung der DGzRS in Bremen: Der Fischkutter „Hoheweg“ wird vermisst. Er verschwand vom Radar der Verkehrszentrale, wurde mehrmals vergeblich angerufen. Keine Minute später hat die Seenotleitung das Signal einer Notfunkbake empfangen., Hat sie sich nur vom Kutter gelöst?. Keiner weiß, ob das Schiff in Seenot geraten ist, ob sich die Mannschaft noch an Bord befindet oder es bloß ein technisches Problem gibt. Doch fürs Rätseln bleibt keine Zeit, sofort leiten wir den Einsatz ein. Innerhalb von Minuten nehmen wir Kurs aufs offene Meer. Auch die Kreuzer in Büsum, Hooksiel, Bremerhaven, Norderney und Helgoland laufen aus – eine der größten Suchaktionen seit Jahren beginnt.

In der Deutschen Bucht nimmt der Seegang rasch zu, bald wird das Deck der „Hermann Helms“ von schweren Brechern überspült. Wir drehen nach West-Nordwest und folgen den Koordinaten der Notfunkboje. Sie befindet sich im Bereich der Nordergründe, zwischen Wilhelmshaven und Helgoland: ein Seegebiet mit vielen Sandbänken, in dem sich flache und tiefe Stellen abwechseln. Bei Sturm türmt sich das Wasser hier zu sehr hohen Wellen auf, die ein Schiff in große Schwierigkeiten bringen können. Nördlich verläuft der Seeschifffahrtsweg. Was dort jetzt steuerlos in den Wellen schwimmt, wird unaufhaltsam auf die gefährlichen Nordergründe getrieben.

Grundkontakt!

Fast eineinhalb Stunden dauert die Fahrt. Als wir das Suchgebiet erreichen, geht ein Stoß durch das Schiff: Wir sind mit dem Rumpf auf Grund gesetzt. Doch wir haben Glück, der Kreuzer läuft weiter, als wäre nichts geschehen.

Plötzlich riechen wir Treibstoff. Von unserem Schiff kommt der Geruch nicht. Unser Seenotrettungskreuzer läuft durch eine riesige Kraftstofflache. Dann tauchen etliche Fischkisten auf, die im Wasser treiben. Jetzt wissen wir: Hier ist etwas sehr Schlimmes passiert. Wenig später blinkt zwischen den Wogen ein weißes Licht – die Notfunkbake, die sich vom Kutter gelöst hat. Vormann Jörg Bünting geht auf Gegenkurs , wir greifen uns einen Kescher und versuchen, sie an Bord zu holen.

Was bei schönem Wetter ein Kinderspiel wäre, kommt hier einer olympischen Leistung gleich, denn das Gerät ist nicht größer als eine Kaffeekanne, und jede Bewegung an Deck erfordert Umsicht. Nur unser Gurtgeschirr, mit dem wir uns am am Laufdraht einklinken, bewahrt uns vor dem Äußersten. Mit drei Mann gelingt es uns schließlich, die Boje einzufangen. Doch sie bringt uns keine Neuigkeiten. Sie hilft nicht gegen den schrecklichen Verdacht, dass die „Hoheweg“ schon auf Grund liegt.

Nordergründe

Nun folgen schwere Stunden. Wir fahren das Gebiet mit mathematischer Präzision ab, halten Ausschau nach Überlebenden, starren ins Nichts. Ich stehe mit Jörg Bünting oben im Fahrstand: Bei schwerem Wetter bleiben wir an Bord zu zweit, so oft es geht. Trocken halten uns nur unsere Überlebensanzüge, aus denen einzig Hände und Gesicht rausschauen. Sechs Kreuzer und drei Hubschrauber sind im Einsatz. Die Seenotleitung, versucht weiter vergeblich, Kontakt zur Mannschaft aufzunehmen. Doch die „Hoheweg“ bleibt stumm.

In dieser Nacht krachen immer wieder grüne Wellen übers Vorschiff, also nicht das mit Luft durchsetzte Gischtweiß der Brecher, sondern die ungebrochene Wucht der Wogen. Die Wellen überragen zum Teil sogar den sieben Meter hohen Fahrstand der „Hermann Helms“. Für Hunger oder Müdigkeit haben wir jetzt keine Zeit.

Trotzdem kreisen in der Dunkelheit Fragen durch meinen Kopf. Das Verschwinden vom Radar, der Kraftstoff, die Fischkisten- alles deutet auf einen schnellen Untergang hin. Konnten die Männer ihren Überlebensanzug anlegen? War wenigstens Zeit, eine Rettungsweste zu greifen? Das Wasser hat eine Temperatur von sieben Grad. In normaler Kleidung hält es darin niemand lange aus.

 

Am Vormittag des zweiten Tages, nach 30 Stunden auf den Beinen, lassen wir den Anker fallen und legen eine kurze Pause ein. Wir schmieren Stullen, schlucken ein, zwei Bissen. Tee kochen können wir nicht, weil das Schiff noch immer heftige Bewegungen macht, obwohl der Sturm schon abflaut. Drei Stunden ruhen wir, ohne Schlaf zu finden, dann geht es weiter. Eine stumme, bohrende Gewissheit macht sich breit: Überlebende werden wir nicht mehr finden. Sicher, es gibt fantastische Fälle, in denen Schiffbrüchige nach Tagen im Wasser gefunden und reanimiert wurden. Das Leben birgt Überraschungen, und deshalb ist es unsere Pflicht, so lange wie möglich die Augen aufs Wasser zu richten.

Doch dieses Mal haben wir keinen Erfolg. Am dritten Tag drehen wir nach Osten ab und fahren nach Cuxhaven zurück. An Bord wird kaum ein Wort gesprochen. Wir alle sind schon seit Jahren dabei, haben Situationen wie diese erlebt, wir wissen, was in den anderen vor sich geht. Wir legen an unserer Station neben dem Fährhafen an und machen das Schiff klar, das unter dem Sturm fast so sehr gelitten hat wie wir.

Mir ist klar, dass wir alles getan haben, was möglich war. Als die Spannung von mir abfällt, spüre ich nicht viel, nur Leere und Erschöpfung. Und irgendwann finden wir auch Schlaf.”

(Es handelt sich um eine gekürzte Version. Den ganzen Text lesen Sie in unserem Buch MAYDAY).

Michael Moritz, Jahrgang 1966, machte eine Lehre zum Elektroinstallateur und arbeitete ein Jahr lang als Geselle, bevor er zur Bundesmarine ging. Acht Jahre lang diente er in Wilhelmshaven und erwarb in dieser Zeit sein Technisches Patent und seinen Meisterbrief. Nach einem Jahr als Maschinist auf einem Tonnenleger trat er im Februar 1997 in die DGzRS ein.

Das Buch MAYDAY sammelt 25 dramatische Geschichten von Seenotrettern und Geretteten. Wir wollten den Helden in den roten Overalls ein Denkmal setzen.

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