Warum wir den Pegida-Soul von Naidoo ignorieren sollten

„Als Volks-in-die-Fresse-Treter stößt Ihr an eure Grenzen

Und etwas namens Pizzagate steht auch noch auf der Rechnung

Bei näherer Betrachtung steigert sich doch das Entsetzen

Wenn ich so ein´ in die Finger krieg´,

Dann reiß ich ihn in Fetzen

Und da hilft auch kein Verstecken hinter Paragraphen und Gesetzen.“

Das steht nicht im Hausmagazin der NPD, sondern ist tatsächlich eine Zeile aus einem neuen Lied von Xavier Naidoo. „Marionetten“, heißt es, und die rechte Szene (“Naidoo ruft zum Widerstand!”) feiert ihn dafür. Die Bilder von „Marionetten“ und den Puppenspielern, die sie steuern, seien typisch antisemitisches Vokabular, findet die Brandenburger Landeszentrale für politische Bildung, und man kann auch ohne sie drauf kommen.

Naidoo, 45, der gerne vor “Reichsbürgern” wirre Vorträge hielt und immer wieder Verschwörungstheorien ausbreitete, ist endgültig der Soundknödel von PEGIDA geworden. Kuschelsoul für den Wutbürger.

Pegida-Soul Naidoo: es ist traurig

Als Naidoo zum deutschen Kandidaten für den Eurovision Song Contest berufen und nach öffentlichem Druck wieder zurückgezogen wurde, empörten sich diverse Persönlichkeiten. Herbert Grönemeyer und Marek Liederberg wetterten über eine angebliche „Gesinnungspolizei“ und in einer ganzseitigen Anzeige solidarisierten sich viele Prominente mit ihm. Til Schweiger meinte sogar, wer Naidoo wegen seiner politischen Anschauungen kritisiere, sei ein „Terrorist“.

naidoo

Vielleicht sollten sie einmal genauer hinhören, was sich Naidoo zusammenreimt.

Ein Mix aus Weltverschwörungssoße, wenig subtilem Antisemitimus und Aufruf zur Gewalt: „Wenn ich nur einen [Politiker] in die Finger bekomme / dann zerreiß ich ihn in Fetzen / und da hilft auch kein Verstecken hinter Paragraphen und Gesetzen“. Töten muss man alle Politiker, weil sie eben „Marionetten“ sind, die „Tatsachen verdrehen“ und sich „an Unschuldigen vergehen“. Der Hinweis auf „Pizzagate“ meint eine widerlegte Falschmeldung eines angeblichen Pädophilenrings in Washington, die aus rechtsextremen Kreisen kolportiert wurde, um Hillary Clinton im Wahlkampf zu schaden.

Ist das wirklich die Meinung von Herbert Grönemeyer? Von Til Schweiger? Ich mag mir das nicht vorstellen, doch ich frage mich: Wieso fällt der Protest gegen diesen kruden Mist nicht deutlich größer aus? Einen AfD-Politiker würde man für solche Aussagen ächten. Naidoo („Wir sind kein souveränes Land“) aber wird beschmunzelt, wie ein trotteliger Cousin aus der Verwandtschaft: “Bisschen bekloppt der Gute, aber was willste machen?”

“Wirdmanwohlnochsagendürfen” als Fahrstuhlsoul

Freie Meinung ist ein wichtiges Gut, vor allem die freie Meinung von Künstlern. Was Naidoo aber betreibt, ist gefährlich. Durch Leute wie ihn wird der “Wirdmanwohlnochmalsagendürfen-Blödsinn” salonfähig, durch ihn kommt das rechte Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft an, verpackt als Fahrstuhlsoul. Es ist traurig, was aus Naidoo geworden ist, der offensichtlich immer weiter abrutscht in eine krude Gedankenwelt: 9/11 ein Verschwörung, Lügenpresse, radikale Ansichten zu Gott, das alles hatten wir schon. Das Recht auf freie Meinung steht jedem zu. Aber eben auch auch das Recht, klar Position zu beziehen gegen offensichtlichen Stuss, Gewaltaufrufe und Gegner der Demokratie.

Nun werden Aufrufe laut, Naidoo zu boykottieren. Boykotte sind falsch in einem freien Land. Ich habe seine Musik noch nie gehört, würde sie aber schon wegen „Marionetten“ nicht mehr hören. Man sollte mit Naidoo umgehen wie mit seinem Fanclub aus NPD und PEGIDA. Klar dagegen argumentieren.

Und danach einfach ignorieren.

Julia und Stefan Kruecken auf Föhr

Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag. Vor der Verlagsgründung berichtete er als Reporter für Magazine wie max, Stern oder GQ weltweit.

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